Lexikon der Argumente


Philosophische Themen und wissenschaftliche Debatten
 
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Aufklärung Spinoza Höffe I 237
Aufklärung/Spinoza/Höffe: Spinoza ist auch in dem Sinn Aufklärer und zugleich Wortführer der Menschheit, als er sich in letzter Instanz ausschließlich auf ein allen Menschen gemeinsames Vermögen, die natürliche Vernunft, beruft, die sogar für die Schriftauslegung zuständig ist. Daraufbaut Spinozas überragende politische Bedeutsamkeit auf. Er unterwirft nämlich die beiden dominanten Mächte seiner Zeit der Kritik. Bei allem Respekt, den er den zwei Hauptmächten seiner Zeit, dem Staat mit seinen Gesetzen und den Religionsgemeinschaften mit ihren Glaubenssätzen, Ritualen und dem Anspruch auf göttliche Wahrheit, zollt, beruft sich Spinoza auf das Recht, das
Höffe I 238
man später zu den «Menschenrechten» zählt: das Recht, mittels der eigenen Vernunft sich selbst ein freies Urteil zu bilden.

Spinoza I
B. Spinoza
Spinoza: Complete Works Indianapolis 2002
Außenpolitik Morgenthau Brocker I 290
Außenpolitik/Morgenthau: These: Solange Außenpolitik auf falschen Fundamenten ruht, kann sie nur durch Zufall klug und ausgewogen sein. Ein großes Übel sieht Morgenthau im Kreuzzugsgeist Amerikas – in der kulturell verfestigten Neigung
Brocker I 291
nüchternes Macht- und Interessenkalkül ob der Fixierung auf abstrakte Prinzipien (Freiheit, Demokratie, Menschenrechte) zu vernachlässigen. Gegen dieses Übel verordnet der Autor unbedingte Sachlichkeit; die Befreiung der Außenpolitik vom Moralisieren; ihre Ausrichtung an Interessen; die Bereitschaft zum Kompromiss selbst mit dem vermeintlich Bösen (auch die Sowjets haben Interessen); mit Blick auf Kompromisse schließlich den Willen zur Empathie im Sinne einer permanenten Anstrengung, die jeweils andere Seite nicht nur mit ihren vitalen Interessen, sondern auch mit ihren historischen Erfahrungen bestmöglich zu verstehen. (1) Siehe auch Diplomatie/Morgenthau.

1. Hans J. Morgenthau, Politics Among Nations. The Struggle for Power and Peace, New York 1948. Dt.: Hans J. Morgenthau, Macht und Frieden. Grundlegung einer Theorie der internationalen Politik, Gütersloh 1963.


Christoph Frei, „Hans J. Morgenthau, Macht und Frieden (1948)“ in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

Pol Morg I
Hans Morgenthau
Macht und Frieden. Grundlegung einer Theorie der internationalen Politik Gütersloh 1963

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Bioethik Ökologische Theorien Norgaard I 344
Bioethik/Rechtsbasierte Ethik:/Ökologische Theorien: (....) Vanderheiden (2006: 343)(1) stellt fest, dass "weder die räumliche noch die zeitliche Entfernung zwischen den Agenten und ihren Opfern absichtliche oder vorhersehbare Schäden entschuldigen können". Eine entsprechende Interpretation liefert Caney (2008: 538)(2), der argumentiert, dass die Klimastabilisierung notwendig ist, um mindestens drei Arten von grundlegenden Menschenrechten zu sichern und zu verteidigen. Insbesondere Caney argumentiert, dass der Klimawandel: 1. das Recht der Menschen auf Eigenbedarf verletzt, indem er Risiken einer "weit verbreiteten Unterernährung" hervorruft, die in der wissenschaftlichen Literatur gut dokumentiert sind.
2. die Fähigkeit der Menschen gefährdet, "einen angemessenen Lebensstandard zu erreichen" (Hervorhebung hinzugefügt), ein Punkt, der mit den wirtschaftlichen Argumenten von Weitzman (2009) übereinstimmt(3).
3. eine unannehmbare Gefahr für die menschliche Gesundheit darstellt, da eine Reihe von Mechanismen wie Hitzestress und die zunehmende Häufigkeit von Tropenkrankheiten zum Tragen kommen.



1. Vanderheiden, S. 2006. Conservation, foresight, and the future generations problem. Inquiry 49: 337–52.
2. Caney, S. 2008. Human rights, climate change, and discounting. Environmental Politics 17: 536–55.
3. Weitzman, M. L. 2009. On modeling and interpreting the economics of catastrophic climate change. Review of Economics and Statistics 91: 1–19.


Howarth, Richard: “Intergenerational Justice”, In: John S. Dryzek, Richard B. Norgaard, David Schlosberg (eds.) (2011): The Oxford Handbook of Climate Change and Society. Oxford: Oxford University Press.

Norgaard I
Richard Norgaard
John S. Dryzek
The Oxford Handbook of Climate Change and Society Oxford 2011
Bourgeois/Citoyen Marx Mause I 49
Bourgeois/citoyen/MarxVsHegel/Marx: Der „politische Staat“ (Marx 1956b, S.351), der der „bürgerlichen Gesellschaft“ (1) historisch zu ihrer Durchsetzung verhalf, ist der bloße Garant dieser atomistischen Gesellschaft des egoistisch seine Privatinteressen verfolgenden bourgeois, dessen Rechte er in Gestalt der liberalen Grund- und Menschenrechte schützt (2). Damit konserviert er jene bourgeoise Existenzweise des (…) von seinem „Gattungswesen“ (3) als Mensch entfremdeten, isolierten Individuums, das in Seinesgleichen nicht die kommunitäre Verwirklichungschance, sondern die Schranke seiner Freiheit sieht. Der citoyen ist nichts als die idealisierte Projektion dieser entfremdeten Gattungswesenheit, und der Staat, der sich dieser Idealisierung gemäß als republikanischer Verwirklichungsraum dieses citoyen präsentiert, erweist sich in Wahrheit als Instrument zur Stabilisierung der bürgerlichen Gesellschaft und der Konkurrenz ihrer Mitglieder. Unter den historischen Bedingungen der bürgerlichen Gesellschaft bleibt daher der citoyen immer dem bourgeois untergeordnet, und ebenso erscheint das Verhältnis von Politik und Wirtschaft in Gestalt einer Zweck-Mittel-Verkehrung.
Republikanismus/MarxVsRousseau, MarxVsHegel: Das von Rousseau wie von Hegel projektierte republikanische Ziel ist also für Marx innerhalb der Grenzen der bestehenden Wirtschaftsform nicht zu erreichen.


1. K. Marx, Zur Judenfrage. In Marx Engels Werke, Bd.  1 (MEW 1), Hrsg. Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin 1956, S. 354-356,366-370.
2. Ebenda S. 361-367
3. Ebenda S 366,370.

Marx I
Karl Marx
Das Kapital, Kritik der politische Ökonomie Berlin 1957

Mause I
Karsten Mause
Christian Müller
Klaus Schubert,
Politik und Wirtschaft: Ein integratives Kompendium Wiesbaden 2018
Demokratie Holmes Krastev I 6
Demokratie/Ex-Kommunistische Länder/Krastev/Holmes: Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, so die Populisten Mitteleuropas, wurde die liberale Demokratie zu einer neuen, unausweichlichen Orthodoxie. Sie beklagen ständig, dass die Imitation der Werte, Haltungen, Institutionen und Praktiken des Westens zwingend und obligatorisch wurde.
Krastev I 58
Demokratie/Krastev: Anders als der Liberalismus ist die Demokratie ohnehin ein ausschließlich nationales Projekt. Deshalb hat de Gaulles "Europa der Vaterländer" letztlich allen Zwängen widerstanden, getrennte Mitgliedsländer-Identitäten in eine gemeinsame postnationale Identität aufzulösen. Aufgrund seiner inhärenten Affinität zum Universalismus der Menschenrechte ist der Liberalismus der transnationalen Globalisierung gegenüber gastfreundlicher als die Demokratie. Aber auch der Liberalismus funktioniert am besten im Kontext politisch gebundener Gemeinschaften. Schließlich ist die effektivste Menschenrechtsorganisation der Welt der liberale Nationalstaat.

LawHolm I
Oliver Wendell Holmes Jr.
The Common Law Mineola, NY 1991

Krastev I
Ivan Krastev
Stephen Holmes
The Light that Failed: A Reckoning London 2019
Demokratie Krastev Krastev I 6
Demokratie/Ex-Kommunistische Länder/Krastev: Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, so die Populisten Mitteleuropas, wurde die liberale Demokratie zu einer neuen, unausweichlichen Orthodoxie. Sie beklagen ständig, dass die Imitation der Werte, Haltungen, Institutionen und Praktiken des Westens zwingend und obligatorisch wurde.
Krastev I 58
Demokratie/Krastev: Anders als der Liberalismus ist die Demokratie ohnehin ein ausschließlich nationales Projekt. Deshalb hat de Gaulles "Europa der Vaterländer" letztlich allen Zwängen widerstanden, getrennte Mitgliedsländer-Identitäten in eine gemeinsame postnationale Identität aufzulösen. Aufgrund seiner inhärenten Affinität zum Universalismus der Menschenrechte ist der Liberalismus der transnationalen Globalisierung gegenüber gastfreundlicher als die Demokratie. Aber auch der Liberalismus funktioniert am besten im Kontext politisch gebundener Gemeinschaften. Schließlich ist die effektivste Menschenrechtsorganisation der Welt der liberale Nationalstaat.

Krastev I
Ivan Krastev
Stephen Holmes
The Light that Failed: A Reckoning London 2019
Flüchtlinge Agamben Brocker I 828
Flüchtlinge/Migration/Politik/Agamben: Agamben diagnostiziert zunächst eine Trennung zwischen Humanitärem und Politischem als »extreme Phase der Entfernung zwischen den Menschenrechten und den Bürgerrechten«. (1)
Brocker I 829
Problem: verhindern, dass »nacktes« Leben ausschließlich Gegenstand humanitärer – und nicht politischer – Strategien wird, Lösung/Agamben: »der Flüchtling« als ein »Grenzbegriff« verstanden werden, »der die fundamentalen Kategorien des Nationalstaates, vom Nexus Nativität-Nationalität zu demjenigen von Mensch-Bürger, in eine radikale Krise stürzt: So wird es möglich, das Feld für eine nunmehr unaufschiebbare kategoriale Erneuerung zu räumen, im Hinblick auf eine Politik, die das nackte Leben nicht mehr in der staatlichen Ordnung absondert und ausstößt, auch nicht mittels der Figur der Menschenrechte« (2); vgl. Agamben 2001 (3)). Siehe auch Lager/Agamben, Biopolitik/Agamben, Totalitarismus/Agamben, Terminologie/Agamben.


1.Giorgio Agamben, Homo sacer. Il potere sovrano e la nuda vita, Torino 1995. Dt.: Giorgio Agamben, Homo sacer – Die souveräne Macht und das nackte Leben, Frankfurt/M. 2002, S. 142.
2. Ebenda S. 143
3. Agamben 2001, S. 23-32

Maria Muhle, „Giorgio Agamben, Homo sacer – Die souveräne Macht und das nackte Leben“, in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

Agamben I
Giorgio Agamben
Homo sacer – Die souveräne Macht und das nackte Leben Frankfurt 2002

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Frieden Hegel I 338
Frieden/Hegel/Höffe: Dass die Rechtsphilosophie(1) in einer Weltgeschichte als «Schlachtbank» und nicht wie bei Kant im höchsten politischen Gut, dem ewigen Frieden, gipfelt, trägt Hegel kaum Sympathien ein. Von heute aus gesehen, von der Dominanz einer universalistischen Rechtsethik mit dem Gedanken von Menschenrechten und einer zunehmenden Verrechtlichung der zwischenstaatlichen Verhältnisse erscheint Kant als überlegen. HegelVsKant: Überdies verwirft Hegel (...) die Idee eines ewigen Friedens, sieht Kriege als für die «sittliche Gesundheit» der Völker unverzichtbar an und begnügt sich für die zwischenstaatlichen Beziehungen mit einem Völkerrecht, das auf eine Weltrechtsordnung, selbst auf dessen bescheidene Vorstufe, einen Staatenbund, verzichtet.


1. Hegel, Vorlesungen zur Philosophie der Geschichte 1821-32 hrsg. v. E. Gans 1837
Immigration Multikulturalismus Gaus I 255
Einwanderung/Multikulturalismus/Kukathas: Die Einwanderung wird (...) weiterhin die multikulturelle Politik und damit die multikulturelle Theorie prägen (Kukathas, 2003c)(1). An diesem Punkt beginnen die Spannungen in der multikulturellen Politik auch in der politischen Theorie und insbesondere in der liberalen politischen Theorie deutlich zu werden. Dies liegt zum Teil daran, dass die Einwanderung selbst aus liberaler Sicht problematisch ist und die politischen Theoretiker in der Frage, wie frei die Menschen sein sollten, sich von Land zu Land zu bewegen, geteilter Meinung sind. Während die einen offene Grenzen befürworten (Dowty, 1987(2); Carens, 1987(3); 1992(4); 2000(5); Goodin, 1988(6); 1992(7)), sind sich andere weniger sicher, ob es klug ist, den liberalen Staat seine Gesellschaft für jedermann öffnen zu lassen, insbesondere wenn dies den liberalen Staat zu untergraben droht (Buchanan, 1995)(8). Es überrascht daher nicht, dass ein Großteil der Debatte über den Multikulturalismus eine Debatte über die Staatsbürgerschaft war. >Staatsbürgerschaft/Multikulturalismus, vgl. >Kulturelle Rechte/Levy, >Kultur/Kymlicka, >Gruppenrechte/Politische Theorien, >Minderheitenrechte/Kymlicka.

1. Kukathas, Chandran (2003c) 'Immigration'. In Hugh LaFollette, ed., The Oxford Handbook of Practical Ethics. New York: Oxford University Press, 567—90.
2. Dowty, Alan (1987) Closed Borders: The Contemporary Assault on Freedom of Movement. New Haven, CT: Yale Umversity Press.
3. Carens, Joseph H. (1987) ' Aliens and citizens: the case for open borders'. Review of Politics, 49 (2): 251—73.
4. Carens, Joseph H. (1992) 'Migration and morality: a liberal egalitarian perspective'. In Brian Barry and Robert E. Goodin, eds, Free Movement: Ethical Issues in the Transnational Migration of People and Money. University Park, PA: Pennsylvania State University
Press, 25-47.
5. Carens, Joseph H. (2000) Culture, Citizenship and Community: A Contextual Examination of Justice and Evenhandedness. Oxford: Oxford University Press.
6. Goodin, Robert E. (1988) 'What's so special about our fellow countrymen?' Ethics, 98: 663—86.
7. Goodin, Robert E. (1992) 'If people were money? . In Brian Barry and Robert E. Goodin, eds, Free
Movement: Ethical Issues in the Transnational Migration of People and Money. University Park, PA:
Pennsylvania State University Press, 6—22.
8. Buchanan, James (1995) 'A two-country parable'. In Warren F. Schwartz, ed., Justice in Immigration. Cambridge: Cambridge University Press, 63—6.


Kukathas, Chandran 2004. „Nationalism and Multiculturalism“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004
Internationale Politische Theorie Brown Gaus I 291
Internationale Politische Theorie/Brown: [auf dem Gebiet der internationalen politischen Theorie] gibt es eine zentrale Frage, die immer wieder auftaucht, nämlich die nach dem richtigen Verhältnis zwischen dem Universellen und dem Partikularen in den internationalen Beziehungen. Konkreter kann man die gegenwärtigen internationalen Beziehungen als Ort eines
Gaus I 292
Zusammenstoßes zwischen zwei widersprüchlichen Normensystemen sehen: a) die mit dem so genannten westfälischen System verbundenen "Souveränitäts"-Normen, die Begriffe wie nationale Selbstbestimmung und Nichteinmischung unterstützen und sich auf die Rechte von Staaten und/oder politischen Gemeinschaften konzentrieren, und
b) die nach 1945 aufgestellten "Menschenrechts"-Normen, die universelle Verhaltensstandards festlegen, die von allen Souveränen zu respektieren sind. Dieser Konflikt nimmt verschiedene Formen an, die offensichtlich zum Tragen kommen, wenn es um Fragen wie humanitäre Intervention und universelle Strafgerichtsbarkeit geht, aber auch hinter dem aktuellen Diskurs über globale Ungleichheit und internationale soziale Gerechtigkeit stehen.
>Souveränität/Internationale Politische Theorie,
>Menschenrechte/Internationale Politische Theorie,
>Völkerrecht/Internationale Politische Theorie,
>Gerechtigkeit/Internationale Politische Theorie,
>Ungleichheiten/Internationale Politische Theorie.


Brown, Chris 2004. „Political Theory and International Relations“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications

PolBrown I
Wendy Brown
American Nightmare:Neoliberalism, neoconservativism, and de-democratization 2006

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004
Klimaziele Caney Norgaard I 327
Klimaziele/Rechte/Gardiner/Caney: Stephen Gardiner (2006)(1) argumentiert, dass die durch den potenziell katastrophalen Klimawandel gefährdeten Interessen bei weitem die Überlegungen überwiegen, das Wirtschaftswachstum zu reduzieren. Andere, insbesondere Simon Caney (2005a(2), 2009(3)), haben argumentiert, dass das Recht auf ein stabiles Klima als ein grundlegendes Menschenrecht angesehen werden sollte, da die grundlegenden Interessen von Leben, Gesundheit, Lebensunterhalt und Ortssicherheit, die alle durch den Klimawandel gefährdet sind, die Grundlage sowohl für moralische als auch für rechtliche Menschenrechte bilden. Weder Gardiner noch Caney unterstützen bestimmte Ziele, aber ihre Argumente scheinen die zwingendsten Ziele zu unterstützen, die derzeit in den politischen Debatten erreicht werden (z.B. Reduzierung der CO2-Konzentrationen auf 350 ppm, deutlich unter den heutigen Werten). Rechte/Utilitarismus/VsGardiner/VsCaney: Ein Gegenargument ist, dass Verlust von Menschenleben alltäglich ist und einfach als weitere wirtschaftliche Kosten behandelt werden sollte; andernfalls werden Ressourcen für den Klimaschutz verschwendet, die mit anderen Mitteln, wie der Reduzierung von Malaria, mehr Leben retten könnten (Schelling 1997(4); Lomborg 2006(5)). Aber es scheint auch falsch zu sagen, dass wir Millionen von Menschen durch
Norgaard I 328
Umweltverschmutzung sterben lassen werden, weil wir einen Teil der Ersparnisse ausgeben können, um Schäden für andere billiger zu verhindern. Es scheint eine grundlegende Spannung zu geben zwischen der utilitaristischen Intuition, dass die Summe aller Leiden zählt, und der Intuition über Rechte, dass es darauf ankommt, wer genau dem Schaden oder Risiko ausgesetzt ist und warum (Baer and Sagar 2009(6)). >Utilitarismus. Klimaziele: Allmählich hat sich ein Konsens darüber herausgebildet, dass wir einen Temperaturanstieg von weniger als 2°C gegenüber der vorindustriellen Zeit anstreben sollten; dennoch argumentieren viele der am wenigsten entwickelten Länder und kleine Inselstaaten jetzt, dass das Ziel 1,5 °C sein sollte. Die von verschiedenen Nationen bis Juni 2010 gemachten Zusagen zur Emissionsreduzierung scheinen jedoch weit davon entfernt zu sein, selbst ein 2°C-Ziel zu erreichen, was darauf hindeutet, dass unabhängig von der Rhetorik nationale wirtschaftliche Interessen immer noch Vorrang vor globalen Gerechtigkeitsfragen haben.



1. Gardiner, S. M. 2006. A core precautionary principle. Journal of Political Philosophy 14: 33–60.
2. Caney, S. 2005a. Cosmopolitan justice, responsibility and climate change. Leiden Journal of International Law 18: 747–75.
3. Caney, S. 2009. Human rights, responsibilities and climate change. In C. R. Beitz and R. E. Goodin (eds.), Global Basic Rights. Oxford: Oxford University Press.
4. Schelling, T. C. 1997. The cost of combating global warming: Facing the tradeoffs. Foreign Affairs 76: 8–14.
5. Lomborg, B. (ed.) 2006. How to Spend $50 Billion to Make the World a Better Place. Cambridge: Cambridge University Press.
6. Baer; P. and A. Sagar 2009. Ethics, rights and responsibilities. Pp. 262–9 in S. H. Schneider, A. Rosencranz, and M. D. Mastrandrea (eds.), Climate Change Science and Policy. Washington, DC: Island Press.


Baer, Paul: “International Justice”, In: John S. Dryzek, Richard B. Norgaard, David Schlosberg (eds.) (2011): The Oxford Handbook of Climate Change and Society. Oxford: Oxford University Press.

Norgaard I
Richard Norgaard
John S. Dryzek
The Oxford Handbook of Climate Change and Society Oxford 2011
Klimaziele Gardiner Norgaard I 327
Klimaziele/Rechte/Gardiner/Caney: Stephen Gardiner (2006)(1) argumentiert, dass die durch den potenziell katastrophalen Klimawandel gefährdeten Interessen bei weitem die Überlegungen überwiegen, das Wirtschaftswachstum zu reduzieren. Andere, insbesondere Simon Caney (2005a(2), 2009(3)), haben argumentiert, dass das Recht auf ein stabiles Klima als ein grundlegendes Menschenrecht angesehen werden sollte, da die grundlegenden Interessen von Leben, Gesundheit, Lebensunterhalt und Ortssicherheit, die alle durch den Klimawandel gefährdet sind, die Grundlage sowohl für moralische als auch für rechtliche Menschenrechte bilden. Weder Gardiner noch Caney unterstützen bestimmte Ziele, aber ihre Argumente scheinen die zwingendsten Ziele zu unterstützen, die derzeit in den politischen Debatten erreicht werden (z.B. Reduzierung der CO2-Konzentrationen auf 350 ppm, deutlich unter den heutigen Werten). Rechte/Utilitarismus/VsGardiner/VsCaney: Ein Gegenargument ist, dass Verlust von Menschenleben alltäglich ist und einfach als weitere wirtschaftliche Kosten behandelt werden sollte; andernfalls werden Ressourcen für den Klimaschutz verschwendet, die mit anderen Mitteln, wie der Reduzierung von Malaria, mehr Leben retten könnten (Schelling 1997(4); Lomborg 2006(5)). Aber es scheint auch falsch zu sagen, dass wir Millionen von Menschen durch
Norgaard I 328
Umweltverschmutzung sterben lassen werden, weil wir einen Teil der Ersparnisse ausgeben können, um Schäden für andere billiger zu verhindern. Es scheint eine grundlegende Spannung zu geben zwischen der utilitaristischen Intuition, dass die Summe aller Leiden zählt, und der Intuition über Rechte, dass es darauf ankommt, wer genau dem Schaden oder Risiko ausgesetzt ist und warum (Baer and Sagar 2009(6)). >Utilitarismus. Klimaziele: Allmählich hat sich ein Konsens darüber herausgebildet, dass wir einen Temperaturanstieg von weniger als 2°C gegenüber der vorindustriellen Zeit anstreben sollten; dennoch argumentieren viele der am wenigsten entwickelten Länder und kleine Inselstaaten jetzt, dass das Ziel 1,5 °C sein sollte. Die von verschiedenen Nationen bis Juni 2010 gemachten Zusagen zur Emissionsreduzierung scheinen jedoch weit davon entfernt zu sein, selbst ein 2°C-Ziel zu erreichen, was darauf hindeutet, dass unabhängig von der Rhetorik nationale wirtschaftliche Interessen immer noch Vorrang vor globalen Gerechtigkeitsfragen haben.


1. Gardiner, S. M. 2006. A core precautionary principle. Journal of Political Philosophy 14: 33–60.
2. Caney, S. 2005a. Cosmopolitan justice, responsibility and climate change. Leiden Journal of International Law 18: 747–75.
3. Caney, S. 2009. Human rights, responsibilities and climate change. In C. R. Beitz and R. E. Goodin (eds.), Global Basic Rights. Oxford: Oxford University Press.
4. Schelling, T. C. 1997. The cost of combating global warming: Facing the tradeoffs. Foreign Affairs 76: 8–14.
5. Lomborg, B. (ed.) 2006. How to Spend $50 Billion to Make the World a Better Place. Cambridge: Cambridge University Press.
6. Baer; P. and A. Sagar 2009. Ethics, rights and responsibilities. Pp. 262–9 in S. H. Schneider, A. Rosencranz, and M. D. Mastrandrea (eds.), Climate Change Science and Policy. Washington, DC: Island Press.


Baer, Paul: “International Justice”, In: John S. Dryzek, Richard B. Norgaard, David Schlosberg (eds.) (2011): The Oxford Handbook of Climate Change and Society. Oxford: Oxford University Press.

Norgaard I
Richard Norgaard
John S. Dryzek
The Oxford Handbook of Climate Change and Society Oxford 2011
Krieg Hegel I 338
Krieg/Hegel/Höffe: Dass die Rechtsphilosophie(1) in einer Weltgeschichte als «Schlachtbank» und nicht wie bei Kant im höchsten politischen Gut, dem ewigen Frieden, gipfelt, trägt Hegel kaum Sympathien ein. Von heute aus gesehen, von der Dominanz einer universalistischen Rechtsethik mit dem Gedanken von Menschenrechten und einer zunehmenden Verrechtlichung der zwischenstaatlichen Verhältnisse erscheint Kant als überlegen. HegelVsKant: Überdies verwirft Hegel (...) die Idee eines ewigen Friedens, sieht Kriege als für die «sittliche Gesundheit» der Völker unverzichtbar an und begnügt sich für die zwischenstaatlichen Beziehungen mit einem Völkerrecht, das auf eine Weltrechtsordnung, selbst auf dessen bescheidene Vorstufe, einen Staatenbund, verzichtet.
I 339
Statt dem Krieg jede Legitimität abzusprechen, hält [Hegel] den Krieg seit seiner Differenzschrift(2) als Wert für «die sittliche Gesundheit der Völker» für notwendig. Er vergleicht den Krieg mit der für Seen segensreichen Wirkung von Wind.
Höffe I 340
Denn wie ohne ihn das Wasser in Fäulnis übergehe, so würde auf «die Völker ein dauernder oder gar ein ewiger Frieden» wirken. Dass es wie bei Seen durch Zufluss von Schmelzwasser, Bächen und Flüssen so bei Völkern gemäß Kants Gedanken der «ungeselligen Geselligkeit» in Form von Ehrsucht, Herrschsucht und Habsucht, generell durch vielfältigen Wettstreit auch innere, das Erstarren verhindernde Bewegungskräfte gibt, wird nicht erwogen. >Kosmopolitismus/Hegel.


1. Hegel, Vorlesungen zur Philosophie der Geschichte 1821-32 hrsg. v. E. Gans 1837
2. Hegel, Differenz des Fichteschen und Schellingschen Systems der Philosophie, 1801
Leben Agamben Brocker I 821
Leben/Agamben: Agambens Begriff des „nackten Lebens“ setzt ein an der altgriechischen Unterscheidung zwischen „zoe“ und „bios“: zoe/Aristoteles: ein zur Politik qualifiziertes Leben
bios/Aristoteles: ein natürlich-unqualifiziertes Leben, das damit von der Politik ausgeschossen ist.
Nacktes Leben/Agamben: dieser Begriff ist eingespannt zwischen Foucaults Begriff der „Biopolitik“ (Foucault, Der Wille zum Wissen,1977) und Hannah Arendts Begriff des homo laborans (H. Arendt, Vita Aktiva oder vom tätigen Leben, 1960). Damit rückt das Biologische Leben zunehmend ins Zentrum der politischen Bühne. (1) Siehe Staat/Agamben.
Die Form, die das „nackte Leben“ im Politischen annimmt, ist die des „homo sacer“ ((s) des „Heiligen Menschen“).
Brocker I 827
Leben/AgambenVsAristoteles: entgegen der klassischen aristotelischen Trennung von »zōḗ« und »bíos«, die neo-aristotelisch auch bei Arendt in der Unterscheidung von sozialer und politischer Sphäre wiederkehrt, wird für Agamben das nackte Leben immer schon und ausschließlich als politisches Leben verständlich. Siehe Biopolitik/Agamben. Agamben: These: Jedes Leben, sei es auch völlig unqualifiziert, nackt und ent-blößt, gerade in dieser Ent-Blößtheit den ursprünglichen Ansatzpunkt jeder Politik bildet, auch und gerade der demokratischen Politik im Zeichen der Menschenrechte.



1.Giorgio Agamben, Homo sacer. Il potere sovrano e la nuda vita, Torino 1995. Dt.: Giorgio Agamben, Homo sacer – Die souveräne Macht und das nackte Leben, Frankfurt/M. 2002, S. 13.


Maria Muhle, „Giorgio Agamben, Homo sacer – Die souveräne Macht und das nackte Leben“, in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

Agamben I
Giorgio Agamben
Homo sacer – Die souveräne Macht und das nackte Leben Frankfurt 2002

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Liberalismus Politik Ungarns Krastev I 65
Liberalismus/Politik Ungarns/Krastev: Um seine Anhänger zu versammeln, setzt Orbán zielstrebig auf die Standardliste der Sünden des Liberalismus, die, wie er behauptet, von den unterwürfigen Nachahmern der liberalen Demokratie begangen wurden, die Ungarn nach 1989 zwei Jahrzehnte lang schlecht regierten. Erstens kann das liberale Bild der Gesellschaft als ein geistig leeres Netzwerk von Produzenten und Konsumenten nicht die moralische Tiefe und emotionale Solidarität der ungarischen Nation erfassen. Die Geschichte und das Schicksal der Nation sind den Liberalen grundsätzlich gleichgültig. In Orbáns antiliberaler Rhetorik wird die Sprache des Liberalismus in Bezug auf Menschenrechte, Zivilgesellschaft und Rechtsverfahren als kalt, allgemein und ahistorisch beschrieben. Die Liberalen sind in Bezug auf Einwanderung so blasiert, weil sie die Staatsbürgerschaft von der ethnischen Abstammung trennen und die Ideale der materiellen Gerechtigkeit und des Gemeinwohls durch fade und abstrakte Vorstellungen von Verfahrensgerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit und individuellem Nutzen ersetzen.
PopulismusVsKosmopolitismus: Aus populistischer Sicht gibt das kosmopolitische Misstrauen der Kosmopoliten gegenüber ethnischen Bindungen den Angehörigen der großen ethnischen Mehrheit in Ungarn das Gefühl, im eigenen Land als Ausländer zu leben. Auf diese Weise zerstört der Universalismus die Solidarität. Wenn jeder dein Bruder ist, dann bist du ein Einzelkind. Deshalb behaupten die reaktionären ungarischen Nativisten, kein prinzipientreuer Liberaler könne sich wirklich für das Schicksal der außerhalb des Landes lebenden Ungarn interessieren.
Krastev: So reden alle Antiliberalen. Jedoch spiegeln sich in Orbáns Rezitation des antiliberalen Katechismus auch einige regionalspezifische Bedenken wider.

Krastev I
Ivan Krastev
Stephen Holmes
The Light that Failed: A Reckoning London 2019
Menschen Hobbes I 218
Mensch/Hobbes/Höffe: Auch wenn Hobbes einem Absolutismus das Wort redet, wird schon bei ihm der Mensch als Mensch zum Subjekt und Maß der politischen Ordnung. Es ist allerdings nicht das Wesen gleicher Würde, weder in deren säkularen Bestimmung als Sprach- und Vernunftbegabung noch in der religiösen Bestimmung als Gottebenbildlichkeit. Menschenrechte: Ohnehin kann im Naturzustand von Menschenrechten oder Grundrechten keine Rede sein. Entscheidend ist die gleiche Schwäche und Verletzlichkeit. Durch List oder durch Verbindung mit anderen können nämlich die Schwächeren selbst den Stärksten töten.
Infolgedessen läuft das für den Menschen natürliche Glücksverlangen Gefahr, dass sich die Menschen gegenseitig ins Elend stürzen.
Hobbes/VsMachiavelli: Diese Gefahr entspringt nicht wie bei Machiavelli einem (aus politischem Realismus gespeisten) pessimistischen Menschenbild. Nach Hobbes sind die Menschen nicht, wie Machiavelli im Fürst sagt, «undankbar, wankelmütig, verlogen, heuchlerisch und raffgierig» (1).
Krieg aller gegen alle/Hobbes: Das Elend geht vielmehr auf ein Zusammenleben ohne ein Gemeinwesen zurück: Ohne Staatlichkeit leben die Menschen in einem Zustand des Krieges aller gegen alle.
Aggression/Bürgerkrieg/Hobbes/Höffe: (...) mit der latenten, nicht notwendig aktuellen Gewalttätigkeit im Naturzustand behauptet Hobbes nicht, der Mensch sei von Natur aus aggressiv und destruktiv. >Krieg/Hobbes.
Die menschlichen Leidenschaften sind für ihn wertfreie Antriebskräfte, die man realistischerweise so hinnimmt, wie sie sind. Der Mensch ist nicht in einem moralischen Sinn antisozial, sprich böse; er ist nicht einmal unschuldig böse. Seine Grundleidenschaft, das Streben nach freier Selbsterhaltung und nach Glück (...) führt zu der (...) unvermeidlich asozialen Tendenz, der Neigung zur Gewalt.


1. Machiavelli, Il Principe Kap. XVII

Hobbes I
Thomas Hobbes
Leviathan: With selected variants from the Latin edition of 1668 Cambridge 1994
Menschenrechte
Menschenrechte Agamben Brocker I 828
Menschenrechte/Agamben: Die Demokratie (siehe Totalitarismus/Agamben) schafft das heilige Leben derart nicht ab (wie man es vermuten sollte), sondern »zersplittert es, verstreut es in jedem einzelnen Körper, um es zum Einsatz in den politischen Konflikten zu machen«. (1) (Siehe auch Leben/Agamben, Biopolitik/Agamben). Diese Logik hatte bereits Arendt in ihrem Totalitarismus-Buch an der Déclaration des Droits de l’homme et du citoyen von 1789 untersucht und freigelegt. (2) Ausgehend von dem Paradox, dass gerade jener Mensch – der staatenlose Flüchtling, der »nur noch Mensch war« –, der die Menschenrechte tatsächlich in Anspruch nehmen musste, kein Recht auf diese Rechte hatte, wird das Versagen dieser Rechte deutlich, die de facto ausschließlich als Rechte des Staatsbürgers Anwendung finden. So trägt bereits der Titel der Erklärung jener Unmöglichkeit Rechnung, dem Menschen als solchem, dem nackten Leben, dem »homo sacer«, Rechte zu gewähren, die nicht nationalstaatlich abgesichert sind. >Menschenrechte.


1.Giorgio Agamben, Homo sacer. Il potere sovrano e la nuda vita, Torino 1995. Dt.: Giorgio Agamben, Homo sacer – Die souveräne Macht und das nackte Leben, Frankfurt/M. 2002, S. 132.
2.Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft, München/Zürich 1998.


Maria Muhle, „Giorgio Agamben, Homo sacer – Die souveräne Macht und das nackte Leben“, in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

Agamben I
Giorgio Agamben
Homo sacer – Die souveräne Macht und das nackte Leben Frankfurt 2002

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Menschenrechte Aristoteles Höffe I 69
Menschenrechte/Aristoteles/Höffe: Aristoteles keine Institutionen wie die Grund- und Menschenrechte, wie die Parteien und Verbände, wie die Presse oder gar ein Verfassungsgericht, ebensowenig einen Gesetzgeber im modernen modernen Sinn. Besonders gravierend sind elementare Ungleichheiten. Obwohl Aristoteles die Menschen durch Sprache und Vernunft definiert, billigt er ihnen keine rechtliche und politische Gleichheit zu. Im Gegenteil rechtfertigt er die Ungleichheiten seiner Zeit, die den Frauen, Sklaven und Barbaren fehlende Gleichberechtigung. >Ungleichheit/Aristoteles.
Menschenrechte Church Brockman I 242
Roboter/Menschenrechte/George M. Church: Wahrscheinlich sollten wir uns weniger um das "wir-versus-sie" kümmern und uns mehr mit den Rechten aller Gesinnungen angesichts einer sich abzeichnenden beispiellosen Vielfalt von Geistern beschäftigen. Wir sollten diese Vielfalt nutzen, um globale existenzielle Risiken wie Supervulkane und Asteroiden zu minimieren.
Brockman I 243
Ganz praktisch müssen wir uns mit den ethischen Regeln befassen, die immer intelligenteren und vielfältigeren Maschinen eingebaut, von ihnen erlernt oder probabilistisch für sie gewählt werden sollten. Wir haben eine ganze Reihe von Trolley-Problemen. Bei welcher Anzahl von Menschen, die zu Tode kommen würden, sollte der Computer beschließen, einen Wagen auf eine einzelne Person umzulenken? Letztendlich könnte es sich um ein tiefliegendes Problem handeln - ein Problem, bei dem riesige Datenbanken mit Fakten und Eventualitäten berücksichtigt werden können, einige davon scheinbar weit entfernt von der vorliegenden Ethik. >Trolley-Problem/Church.
Brockman I 244
Fragen, die zunächst fremdartig und beunruhigend erscheinen, wie "Wem gehören diese neuen Geister und wer zahlt für ihre Fehler?", ähneln den etablierten Gesetzen darüber, wem die Sünden eines Unternehmens zugeschrieben werden und wer für diese zahlt.
Brockman I 248
Roboter/Weizenbaum/Church: In seinem 1976 erschienenen Buch Computer Power and Human Reason(1) argumentierte Joseph Weizenbaum, dass Maschinen den Homo nicht ersetzen sollten, wenn es um Respekt, Würde oder Pflege geht, während andere (Autorin Pamela McCorduck und Informatiker wie John McCarthy und Bill Hibbard) argumentierten, dass Maschinen unparteiischer, ruhiger und konsequenter sowie weniger missbrauchend oder boshaft sein können als Menschen in solchen Positionen. George M. ChurchVsJefferson: (...) Wenn wir den geografischen Standort ändern und reifen, ändern sich unsere ungleichen Rechte dramatisch. Embryonen, Säuglinge, Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Patienten, Schwerverbrecher, geschlechtsspezifische Identitäten und Präferenzen, die sehr Reichen und die sehr Armen - all diese sind mit unterschiedlichen
Brockman I 249
Rechten und sozioökonomische Realitäten konfrontiert. Ein Weg zu neuen Arten von Geist [deren Träger] die Rechte erlangen und bewahren könnten, die denen gleichen, die die entwickeltsten Menschen haben, wäre es, einen "Homo component" [zu entwerfen]. [Dieser wäre] wie eine menschliche Galionsfigur oder ein CEO, der blindlings enorme technische Dokumente unterschreibt oder Entscheidungen auf finanziellem, gesundheitlichem, diplomatischem oder militärischem Gebiet fällt. >Robotergesetze/Church, George M.
Brockman I 250
Spiegeltest/Selbstbewusstsein: Die Roboter der Baureihe Qbo haben den "Spiegeltest" zur Selbsterkenntnis und die Roboter der Baureihe NAO einen entsprechenden Test zur Erkennung der eigenen Stimme und zur Ableitung ihres inneren Zustands des Seins, stumm oder nicht, bestanden. Freier Wille / Computer / Church: Für den freien Willen haben wir Algorithmen, die weder vollständig deterministisch noch zufällig sind, sondern auf eine nahezu optimale probabilistische Entscheidungsfindung abzielen. Man könnte argumentieren, dass dies eine praktische darwinistische Konsequenz der Spieltheorie ist. Für viele (nicht alle) Spiele/Probleme gilt,dass wir, wenn wir völlig vorhersehbar oder zufällig in unserem Handeln sind, dazu neigen zu verlieren.
Qualia: Wir könnten darüber argumentieren, ob der Roboter tatsächlich subjektive Qualia für freien Willen oder Selbstbewusstsein erlebt, aber das Gleiche gilt für die Bewertung eines Menschen. Woher wissen wir, dass ein Soziopath, ein Komapatient, eine Person mit Williams-Syndrom oder ein Baby den gleichen freien Willen oder das gleiche Selbstbewusstsein hat wie wir selbst? Und was spielt das, praktisch gesehen, für eine Rolle? Wenn Menschen (jeglicher Art) überzeugend behaupten, Bewusstsein, Schmerz, Glaube, Glück, Ehrgeiz und/oder Nutzen für die Gesellschaft zu erleben, sollten wir ihnen dann die Rechte verweigern, weil ihre hypothetische Qualia hypothetisch anders ist als unsere?
Brockman I 251
Wandeln Transhumane bereits auf der Erde? Man denke nur an die "unkontaktierten Völker", wie die Sentinelesen und Andamanen Indiens (...).
Brockman I 252
Wie würden sie oder unsere Vorfahren reagieren? Wir könnten "transhuman" definieren als Menschen und Kulturen, die für den Menschen, der in einer modernen, aber un-technologischen Kultur lebt, nicht verständlich sind. Die Frage "Was war ein Mensch?" hat sich bereits in "Was waren die vielen Arten von Transhumanen?... Und was waren ihre Rechte?" gewandelt.

1. Weizenbaum, J. Computer Power and Human Reason. From Judgment to Calculation. San Francisco: W. H. Freeman, 1976


Church, George M. „The Rights of Machines” in: Brockman, John (ed.) 2019. Twenty-Five Ways of Looking at AI. New York: Penguin Press.

Chur I
A. Church
The Calculi of Lambda Conversion. (Am-6)(Annals of Mathematics Studies) Princeton 1985

Brockman I
John Brockman
Possible Minds: Twenty-Five Ways of Looking at AI New York 2019
Menschenrechte Internationale Politische Theorie Gaus I 293
Menschenrechte/Internationale Politische Theorie/Brown: (...) eine Darstellung universeller Prinzipien, die auf den Rechten des Einzelnen und nicht auf den Rechten von Gemeinschaften beruhen, wurde durch die UN-Charta von 1945 und insbesondere durch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die 1948 von der UN-Generalversammlung verabschiedet wurde, eingeführt. Es gibt, wie zu erwarten, eine sehr umfangreiche Literatur über das internationale Menschenrechtsregime (...) (Dunne and Wheeler, 1999)(1). (...) Ein wichtiges Merkmal des Menschenrechtsregimes [ist folgendes:] obwohl es vorgibt, den Staaten universelle Standards aufzuzwingen, war es bis vor kurzem selbst statistisch in Ursprung und Funktionsweise. Es umfasst von Staaten abgegebene Erklärungen, von ihnen unterzeichnete und ratifizierte Pakte und ihnen untergeordnete Institutionen. Nur in einem Fall, dem der Europäischen Menschenrechtskonvention, kann man sagen, dass es wirksame Mechanismen gibt, um sicherzustellen, dass die Staaten ihren vertraglichen Verpflichtungen nachkommen.
Interventionen/Probleme: In den letzten zehn Jahren haben sich Praktiken herausgebildet, die diese Situation in Frage gestellt haben.
1) In erster Linie haben es Gruppen von Staaten gelegentlich auf sich genommen, im Interesse ihrer Einwohner gewaltsam in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates einzugreifen;
2) Zweitens haben radikalere Entwicklungen im Völkerrecht begonnen, das Prinzip der souveränen Immunität zu untergraben. Was die erste dieser Veränderungen - humanitäre Interventionen - betrifft, so war die Bilanz der 1990er Jahre gemischt (Mayall, 1996(2); Moore, 1998(3)).
(...) obwohl es in diesem Bereich völkerrechtliche Entwicklungen gegeben hat, mag es verfrüht sein, von einer sich herausbildenden Norm der humanitären Intervention zu sprechen, wie es Nicholas Wheeler (2000)(4) im besten Buch zu diesem Thema tut. >Ungleichheiten/Internationale Politische Theorie.
Gaus I 295
Wirtschaftliche Rechte/Soziale Rechte: Wirtschaftliche und soziale Rechte werden oft als "zweite Generation" beschrieben, politische Rechte als "erste". Rechte der "dritten Generation" sind die Rechte der Völker, die so allgemeine Begriffe wie das Recht auf Selbstbestimmung, aber auch spezifischere Gruppen von Rechten wie die der indigenen Völker umfassen (Crawford, 1988)(5). Probleme: Hier gibt es ein konzeptionelles Problem; der Begriff der Menschenrechte ist mit der Förderung universeller Standards und der Gleichbehandlung verbunden, aber die Rechte der Völker können nur dann sinnvoll sein, wenn sie ein Recht auf Anderssein befürworten. Indigene Völker fordern zum Beispiel das Recht, nach ihren eigenen Sitten und Gebräuchen regiert zu werden, was mit universellen Normen nicht leicht zu vereinbaren ist; dies ist ein in der Politik des Multikulturalismus wohlbekanntes Thema (Kymlicka, 1995(6); Parekh, 2000)(7) (...). In internationalen
Gaus I 296
Beziehungen jedoch tritt dieses Problem am deutlichsten im Zusammenhang mit einer umfassenderen Herausforderung des Menschenrechtsbegriffs zutage: dem Argument, dass das internationale Menschenrechtsregime auf spezifisch westlichen Werten beruht, ein Argument, das von einer Reihe ostasiatischer Staaten am deutlichsten artikuliert wird und daher oft als "asiatische Werte"-Debatte bezeichnet wird (Bauer und Bell, 1999(8); Bell, 2000(9)). Religion/Familie: Das Kernargument ist, dass die in der Erklärung von 1948 und in der Folge identifizierte Menschenrechte mit einer spezifisch westlichen Konzeption des Individuums und der öffentlichen Sphäre zusammenhängen; asiatische Werte, so wird argumentiert, orientieren sich an der Familie und dem Kollektiv, betonen Pflichten und Verantwortlichkeiten statt Rechte und legen einen größeren Schwerpunkt auf die Religion.


1. Dunne, T. and N. Wheeler, eds (1999) Human Rights in Global Politics. Cambridge: Cambridge University Press.
2. Mayall, J., Hrsg. (1996) The New Interventionism. Cambridge: Cambridge University Press.
3. Moore, J., Hrsg. (1998) Hard Choices: Moral Dilemmas in Humanitarian Intervention. Lanham, MD: Rowman and Littlefield.
4. Wheeler, N. J. (2000) Saving Strangers. Oxford: Oxford University Press.
5. Crawford, J. , Hrsg. (1988) The Rights of Peoples. Oxford: Clarendon.
6. Kymlicka, W. , Hrsg. (1995) The Rights of Minority Cultures. Oxford: Oxford University Press.
7. Parekh, B. (2000) Rethinking Multiculturalism. Basingstoke: Palgrave.
8. Bauer, J. and D. A. Bell, eds (1999) The East Asian Challenge for Human Rights. Cambridge: Cambridge University Press.
9. Bell, D. (2000) East Meets West: Human Rights and Democracy in East Asia. Princeton, NJ: Princeton University Press.

Brown, Chris 2004. „Political Theory and International Relations“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004
Menschenrechte Kant Höffe I 306
Menschenrechte/Kant/Höffe: Kant ist, was manche Interpreten zu Unrecht bestreiten, einer der Begründer der modernen Theorie von Menschenrechten. Er stellt zwar keinen
Höffe I 307
Katalog von Menschenrechten auf, spricht aber mit Nachdruck von einem «ursprünglichen, jedem Menschen, kraft seiner Menschheit» - für Kant: kraft seiner praktischen Vernunftnatur — «zustehenden Recht» (Rechtslehre, Einleitung). Er nennt es das «angeborene, mithin innere Mein und Dein», das vor dem Gegenstand des Privatrechts, dem «äußeren Mein und Dein», den klaren Vorrang besitzt. Recht auf Freiheit: Kant leitet das Recht jedes Menschen aus einem dem kategorischen Rechtsimperativ äquivalenten Element, dem Prinzip der allgemein verträglichen Freiheit, ab. Denn auf die Freiheit, sofern sie mit jeder anderen Freiheit nach einem allgemeinen Gesetz zusammen bestehen kann, hat laut Kant jeder Mensch einen Anspruch.
Kriterium: Dieses Recht auf eine allgemein verträgliche Freiheit hat den Rang eines Kriteriums, steht daher im Singular. Die Frage, ob gewisse Ansprüche den Rang von Menschenrechten haben, entscheidet sich an der Frage, ob sie dem Kriterium der allgemein verträglichen Freiheit genügen. Negative Rechte: Die entsprechenden Menschenrechte sind primär Abwehrrechte gegen die Mitmenschen, sekundär Abwehrrechte gegen den Staat, der nämlich seine zugunsten des Rechts eingerichtete Macht nicht missbrauchen darf.
Kant entwickelt nicht nur das Kriterium für Menschenrechte, das Prinzip der allgemein verträglichen Freiheit. Vier negative Freiheitsrechte:
1) (...) das Verbot von Privilegien und das spiegelbildliche Verbot von Diskriminierung; stattdessen ist jeder mit jedem als gleich zu achten. Die gern gegeneinander ausgespielten Begriffe von Freiheit und Gleichheit erweisen sich hier als gleichrangig.
2) (...) das Recht, sein eigener Herr, mithin eine Persönlichkeit eigenen Rechts zu sein. Sie darf
weder zum Leibeigenen noch Sklaven herabgewürdigt werden, ist vielmehr befugt, ihr Leben selbst zu bestimmen.
3) (...) das Recht, in rechtlicher Hinsicht zunächst als unbescholten, positiv gesagt: als rechtlich ehrbar, zu gelten. Die gegenteilige Behauptung gilt damit als beweispflichtig, was Sich im Strafrecht auf das Prinzip in dubio pro reo (im Zweifelsfall für den Angeklagten) beläuft.
4) (...) das menschenrechtliche Recht, so lange Beliebiges zu tun oder zu lassen, wie man nicht in die Rechte anderer, namentlich in ihr inneres Mein und Dein, eingreift.
I 308
Grundrecht des öffentlichen Rechts: jede Person [hat]das Recht auf einen öffentlichen Rechtszustand mit dessen drei Dimensionen: Jeder hat das Recht, erstens in einem Staat, des Näheren einer Republik, zweitens mit seinem Staat in Bezug auf alle anderen Staaten nach Maßgabe eines Völkerrechts, schließlich, global gesehen, in einer weltbürgerlichen Beziehung zu leben. >Kosmopolitismus/Kant.
I. Kant
I Günter Schulte Kant Einführung (Campus) Frankfurt 1994
Externe Quellen. ZEIT-Artikel 11/02 (Ludger Heidbrink über Rawls)
Volker Gerhard "Die Frucht der Freiheit" Plädoyer für die Stammzellforschung ZEIT 27.11.03
Menschenrechte Kelsen Brocker I 139
Menschenrechte/Kelsen: unter Kelsens Ablehnung absolutistischer Weltanschauungen fällt auch die Ablehnung der Annahme, man könne Menschenrechte als vorpolitische Normen ansehen, die von der Politik anerkannt werden müssten, nicht aber von ihr hervorgebracht würden. >Naturrecht/Kelsen, >Demokratietheorie/Kelsen, >Demokratie/Kelsen. VsKelsen: Interpreten, die Kelsen als Liberalen sehen, folgen ihm gerne in der Ablehnung der Diktatur, haben aber Mühe mit seiner Kritik an Grund- und Menschenrechten.


Marcus Llanque, „Hans Kelsen, Vom Wesen und Wert der Demokratie“, in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Menschenrechte Kymlicka Gaus I 251
Menschenrechte/Kymlicka/Kukathas: Die traditionellen Menschenrechtsdoktrinen, so Kymlicka, geben uns in diesen Fragen einfach keine Orientierung: Amtssprache/Bildung: Dazu gehörten Fragen darüber, welche Sprachen in den Parlamenten, Bürokratien und Gerichten anerkannt werden sollten; ob ethnische oder nationale Gruppen öffentlich finanzierten Unterricht in ihrer Muttersprache haben sollten;
Interne Grenzen: ob interne Grenzen gezogen werden sollten, so dass kulturelle Minderheiten in den lokalen Regionen Mehrheiten bilden; ob traditionelle Heimatländer der indigenen Völker zu ihren Gunsten reserviert werden sollten; und welches Maß an kultureller Integration von Einwanderern, die die Staatsbürgerschaft anstreben, verlangt werden könnte (1995a(1): 4-5).
Menschenrechte/Kymlicka: (...) Solange sie nicht durch eine Theorie der Minderheitenrechte ergänzt werden, wird uns die Menschenrechtstheorie nicht in die Lage versetzen, einige der drängendsten Probleme anzugehen, mit denen wir an Orten wie Osteuropa konfrontiert sind, wo Streitigkeiten über lokale Autonomie, Sprache und Einbürgerung diese Regionen in gewaltsame Konflikte zu verwickeln drohen. Kymlickas Bestreben war es daher, eine liberale Theorie der Minderheitenrechte zu entwickeln, die erklärt, "wie Minderheitenrechte mit Menschenrechten koexistieren und wie Minderheitenrechte eingeschränkt werden
Gaus I 252
durch Prinzipien der individuellen Freiheit, Demokratie und sozialen Gerechtigkeit" (1995a(1): 6). >Minderheitenrechte/Kymlicka.

1. Kymlicka, Will (1995a) Multicultural Citizenship: A Liberal Theory of Minority Rights. Oxford: Oxford University Press.

Kukathas, Chandran 2004. „Nationalism and Multiculturalism“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004
Menschenrechte Locke Höffe I 249
Menschenrechte/HöffeVsLocke/Höffe: Wegen ihres überragenden Ranges könnte man Lockes Grundgüter («life, liberty and property»)(1) für Grund- und Menschenrechte halten. Wahr ist, dass sie im Naturzustand zwar jedem zustehen, dort aber nicht gesichert werden. Für das deshalb erforderliche staatsförmige Gemeinwesen, betont Locke immer wieder, wird die notwendige Gewalt an eine kräftige Mehrheit, jedoch nicht distributiv und kollektiv an alle abgetreten. VsLocke: Folglich ist nicht ausgeschlossen, was dem Gedanken eines veritablen Grund- und Menschenrechts widerspricht: dass die Mehrheit einer Minderheit die Rechte einschränkt und wie in Lockes Toleranzbrief den Katholiken und den Atheisten die Toleranz verweigert. Vgl. >Toleranz/Locke, >Staat/Locke.


1.Locke, Second treatise of Government, 1689/90, § 93

Loc III
J. Locke
An Essay Concerning Human Understanding
Menschenrechte Morgenthau Brocker I 287
Menschenrechte/Morgenthau: Frage: Leisten Moral und Sitte, was das Völkerrecht im Zeitalter souveräner Staatlichkeit nicht zu leisten vermag? Gibt es ein über Grenzen hinweg verpflichtendes Ethos, oder gibt es wenigstens eine öffentliche Meinung im Weltmaßstab? Morgenthau findet Spuren im Bereich der Menschenrechte. Für ihn sind es allerdings nicht hoffnungsvolle Ansätze, sondern nur mehr schwache Überreste einer christlich und aristokratisch geprägten, europäisch dominierten Welt von gestern. Deren übergreifende moralische Einheit ist verloren. (1) >Menschenrechte.

1. Hans J. Morgenthau, Politics Among Nations. The Struggle for Power and Peace, New York 1948. Dt.: Hans J. Morgenthau, Macht und Frieden. Grundlegung einer Theorie der internationalen Politik, Gütersloh 1963.


Christoph Frei, „Hans J. Morgenthau, Macht und Frieden (1948)“ in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

Pol Morg I
Hans Morgenthau
Macht und Frieden. Grundlegung einer Theorie der internationalen Politik Gütersloh 1963

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Menschenrechte Politik Russlands Krastev I 78
Menschenrechte/Politik Russlands/Krastev: Wladimir Putin: (zur Münchner Sicherheitskonferenz vom 10. Februar 2007): Putins Rhetorik wurde besonders aufsässig, als er auf die Einbildung einging, dass alle Länder außerhalb des Westens moralisch verpflichtet seien, die "internationalen Menschenrechtsnormen" des Westens zu übernehmen. Die Pflicht der gesamten Menschheit, eine liberale Demokratie anzustreben, sei eine beleidigende westliche Einbildung. Die Amerikaner rechtfertigten ihre "Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Länder" mit der weltweiten Erwünschtheit und Nachahmungswürdigkeit ihres eigenen politischen und wirtschaftlichen Systems. Während sie der Welt Vorträge über Menschenrechte, Demokratie und andere hohe Werte hielten, verfolgten die westlichen Staatsoberhäupte gleichzeitig egoistische geopolitische
Krastev I 81
Interessen.
Krastev: Solch ein schamloser Rückgriff auf Doppelmoral war zu diesem Zeitpunkt zu einer von Putins nagenden Obsessionen geworden, die nur noch von seinem Groll über den Mangel an "Respekt" übertroffen wurde, mit dem Russland seiner Meinung nach routinemäßig vom Westen behandelt wurde.

Krastev I
Ivan Krastev
Stephen Holmes
The Light that Failed: A Reckoning London 2019
Menschenrechte Rousseau Höffe I 271
Menschenrechte/Rousseau/Höffe: Nach Rousseau (...) gibt es (...) kein natürliches Recht, kein Naturgesetz, das dem (staats-)bürgerlichen Zustand vorausgeht. Das Recht entstehe erst in der politischen Gesellschaft und mit ihr.(1) >Staat/Rousseau. >Naturzustand/Rousseau.
Höffe I 275
Ursprung/Rechtfertigung: Weil der Staat seinen Ursprung in einem Freiheitsakt nimmt, verfügt er über Legitimität, die allerdings ausschließlich auf diesem Weg, einer freien Zustimmung, eben dem >Gesellschaftsvertrag, zustande kommt. Keine auch noch so überlegene Macht kann irgendein Recht erzeugen. Nur ein allseitiger Konsens, eine Vereinbarung, die von keinem der Betroffenen Widerspruch erfährt, ermächtigt zu einer rechtmäßigen Herrschaft(2). >Rechtfertigung/Rousseau, >Staat/Rousseau, >Gesellschaftsvertrag/Rousseau.
Höffe I 278
Gemeinwohl: Da [der Gemeinwille] auf das Wohl des Ganzen ausgerichtet ist, sowohl auf die gemeinsame Erhaltung als auch auf das allgemeine Wohlergehen, kommt ihm gegenüber dem (partikularen) Willen der Einzelnen stets und ohne Einschränkung der normative Vorrang zu. Das Gemeinwohl geht auf den Willen der Betroffenen zurück.
Höffe: Frage: Wie stellt man diesen Willen fest? Eine Auffassung des Gemeinwillens (volonté générale) als Gedankenexperiment könnte zu einem Kriterium der Zustimmungswürdigkeit führen: Die Antwort könnte (...) in Menschenrechten nach derem strengen Verständnis bestehen, also in Rechten, die dem Menschen, bloß weil er Mensch ist, zukommen.
Rousseau/Höffe: Auch wenn man einige Hinweise in diesem Sinn interpretieren kann, verteidigt Rousseau im Gesellschaftsvertrag keine derartigen Rechte. Stattdessen votiert er für eine empirische Lesart des Gemeinwillens. >Volonté Génerale/Rousseau.


1. Rousseau, Discours sur l'inégalité parmi les hommes, 1755
2. Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts (Du contrat social ou Principes du droit politique, 1762

Rousseau I
J. J. Rousseau
The Confessions 1953
Minderheiten Kymlicka Gaus I 252
Minderheiten/Kymlicka/Kukathas: Im Mittelpunkt von Kymlickas Darstellung(1) der gruppendifferenzierten Rechte steht die Unterscheidung zwischen zwei Arten von Minderheiten: nationale Minderheiten und ethnische Minderheiten. Nationale Minderheiten sind Völker, deren zuvor selbstverwaltete, territorial konzentrierte Kulturen in einen größeren Staat eingegliedert wurden.
Beispiele hierfür sind "Indianer", Puerto Ricaner, Chicanos und eingeborene Hawaiianer in den Vereinigten Staaten, die Quebecois und verschiedene Ureinwohnergemeinschaften in Kanada und die australischen Ureinwohner (Aborigines). Ethnische Minderheiten sind jedoch Völker, die in eine neue Gesellschaft eingewandert sind und sich nicht selbst regieren wollen, aber dennoch an ihrer ethnischen Identität und ihren Traditionen festhalten wollen. >Minderheitenrechte/Kymlicka, >Menschenrechte/Kymlicka, >Multikulturalismus/Kukathas, >Multikulturalismus/Kymlicka.


1. Kymlicka, Will (1995a) Multicultural Citizenship: A Liberal Theory of Minority Rights. Oxford: Oxford University Press.

Kukathas, Chandran 2004. „Nationalism and Multiculturalism“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004
Minderheitenrechte Kymlicka Gaus I 251
Minderheitenrechte/Kymlicka/Kukathas: Nach Kymlicka konnten Minderheitenrechte nicht einfach unter den Menschenrechten subsumiert werden, weil "Menschenrechtsstandards einfach nicht in der Lage sind, einige der wichtigsten und umstrittensten Fragen in Bezug auf kulturelle Minderheiten zu lösen" (1995a(1): 4). Amtssprache/Bildung: Dazu gehörten Fragen darüber, welche Sprachen in den Parlamenten, Bürokratien und Gerichten anerkannt werden sollten; ob ethnische oder nationale Gruppen öffentlich finanzierten Unterricht in ihrer Muttersprache erhalten sollten;
Interne Grenzen: ob interne Grenzen gezogen werden sollten, so dass kulturelle Minderheiten in den lokalen Regionen Mehrheiten bilden; ob traditionelle Heimatländer der indigenen Völker zu ihren Gunsten reserviert werden sollten; und welches Maß an kultureller Integration von Einwanderern, die die Staatsbürgerschaft anstreben, verlangt werden könnte (1995a(1): 4-5). >Menschenrechte/Kymlicka.
Gaus I 252
Die letztlich von Kymlicka vertretene Theorie unterschied drei Arten von Minderheiten- bzw. Gruppenrechten - differenzierte Rechte, die ethnischen und nationalen Gruppen zugestanden werden sollten: 1) Selbstverwaltungsrechte, 2) polyethnische Rechte und 3) besondere Vertretungsrechte. 1) Selbstverwaltungsrechte: Selbstverwaltungsrechte erfordern die Delegation von Befugnissen an nationale Minderheiten, wie z.B. indigene Völker, aber diese Rechte würden nicht für andere
kulturelle Minderheiten, die in das Land eingewandert waren, gelten.
2) Polyethnische Rechte: Letztere kämen für polyethnische Rechte in Frage, die finanzielle Unterstützung und rechtlichen Schutz für Praktiken garantieren, die bestimmten ethnischen oder religiösen Gruppen eigentümlich sind.
3) Besondere Vertretungsrechte: Sowohl indigene Völker als auch eingewanderte Minderheiten könnten ebenfalls Anspruch auf besondere Vertretungsrechte haben, die Minderheitenvertretern einen Platz in staatlichen Organen oder Institutionen garantieren.
Minderheiten: Im Mittelpunkt von Kymlickas Darstellung der gruppenbezogenen Rechte steht die Unterscheidung zwischen zwei Arten von Minderheiten: nationale Minderheiten und ethnische Minderheiten. Nationale Minderheiten sind Völker, deren zuvor selbstverwaltete, territorial konzentrierte Kulturen in einen größeren Staat eingegliedert wurden.
Beispiele hierfür sind "Indianer", Puerto Ricaner, Chicanos und eingeborene Hawaiianer in den Vereinigten Staaten, die Quebecois und verschiedene Ureinwohnergemeinschaften in Kanada und die australischen Ureinwohner (Aborigines). Ethnische Minderheiten sind jedoch Völker, die in eine neue Gesellschaft eingewandert sind und sich nicht selbst regieren wollen, aber dennoch an ihrer ethnischen Identität und ihren Traditionen festhalten wollen. >Multikulturalismus/Kymlicka, >Kultur/Kymlicka.
Gesellschaftliche Kultur/Gruppen/Kymlicka: (...) "Liberale können und sollten bestimmte äußere Schutzvorkehrungen unterstützen, wenn sie die Fairness zwischen Gruppen fördern, sollten aber interne Einschränkungen ablehnen, die das Recht der Gruppenmitglieder einschränken, traditionelle Autoritäten und Praktiken in Frage zu stellen und zu revidieren" (1995a(1): 37). Welche gruppendifferenzierten Rechte gewährt werden
Gaus I 253
hängt dann davon ab, ob die jeweiligen multinationalen, polyethnischen oder besonderen Vertretungsrechte "externen Schutz" bieten oder "interne Beschränkungen" durchsetzen. VsKymlicka: für Kritik und Gegenargumente gegen Kymlicka siehe >Minderheitenrechte/Politische Theorien.


1. Kymlicka, Will (1995a) Multicultural Citizenship: A Liberal Theory of Minority Rights. Oxford: Oxford University Press.

Kukathas, Chandran 2004. „Nationalism and Multiculturalism“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004
Modernisierung Acemoglu Acemoglu I 443
Modernisierung/Modernisierungstheorie/Acemoglu/Robinson: Die Modernisierungstheorie hat sowohl innerhalb als auch außerhalb der akademischen Welt eine große Anhängerschaft. Die jüngste Haltung der USA gegenüber China zum Beispiel ist von dieser Theorie geprägt worden. George H. W. Bush fasste die US-amerikanische Politik gegenüber der chinesischen Demokratie wie folgt zusammen: "Handele
Acemoglu I 444
frei mit China und die Zeit ist auf unserer Seite". AcemogluVsModernisierungstheorie: Die Modernisierungstheorie ist sowohl falsch als auch wenig hilfreich, wenn es darum geht, darüber nachzudenken, wie man den Hauptproblemen der extraktiven Institutionen in zerfallenden Nationen begegnen kann. Der stärkste Beweis für die Modernisierungstheorie ist, dass reiche Nationen diejenigen sind, die demokratische Regime haben, die Bürger- und Menschenrechte respektieren und über funktionierende Märkte und allgemein integrative wirtschaftliche Institutionen verfügen. Doch wenn man diese Assoziation so interpretiert, dass sie die Modernisierungstheorie unterstützt, ignoriert man den großen Einfluss integrativer wirtschaftlicher und politischer Institutionen auf das Wirtschaftswachstum. >Wirtschaftswachstums/Acemoglu, >Institutionen/Acemoglu.

Acemoglu II
James A. Acemoglu
James A. Robinson
Economic origins of dictatorship and democracy Cambridge 2006

Acemoglu I
James A. Acemoglu
James A. Robinson
Why nations fail. The origins of power, prosperity, and poverty New York 2012
Modernisierung Lipset Acemoglu I 442
Modernisierung/Modernisierungstheorie/Lipset/Acemoglu/Robinson: [eine] Art der Befürwortung autoritären Wachstums erkennt dessen unattraktive Natur an, behauptet aber, dass der Autoritarismus nur ein vorübergehendes Stadium sei. Diese Idee geht auf eine der klassischen Theorien der politischen Soziologie zurück, die Modernisierungstheorie, die von Seymour Martin Lipset formuliert wurde. Die Modernisierungstheorie behauptet, dass alle Gesellschaften, wenn sie wachsen, auf eine modernere, entwickeltere und zivilisiertere Existenz und insbesondere auf Demokratie zusteuern.
Acemoglu I 443
Viele Anhänger der Modernisierungstheorie behaupten auch, dass - wie die Demokratie - integrativ wirkende Institutionen als Nebenprodukt des Wachstumsprozesses entstehen werden. Auch wenn Demokratie nicht dasselbe ist wie inklusive politische Institutionen, so ist es doch wahrscheinlich, dass regelmäßige Wahlen und ein relativ unbelasteter politischer Wettbewerb die Entwicklung von inklusiven politischen Institutionen fördern werden. Verschiedene Versionen der Modernisierungstheorie behaupten auch, dass eine gut ausgebildete Arbeitnehmerschaft natürlich zu Demokratie und besseren Institutionen führen wird. In einer etwas postmodernen Version der Modernisierungstheorie ging der Kolumnist der New York Times, Thomas Friedman, so weit zu behaupten, dass Demokratie und Institutionen zwangsläufig folgen würden, sobald ein Land genügend McDonald's-Restaurants habe.
AcemogluVsLipset: All dies zeichnet ein optimistisches Bild. In den letzten sechzig Jahren haben die meisten Länder, selbst viele Länder mit extraktiven Institutionen, ein gewisses Wachstum verzeichnet, und die meisten Länder haben einen bemerkenswerten Anstieg des Bildungsniveaus ihrer Arbeitskräfte verzeichnet. Wenn also ihre Einkommen und ihr Bildungsniveau auf die eine oder andere Weise weiter steigen, sollten alle anderen guten Dinge, wie Demokratie, Menschenrechte, bürgerliche Freiheiten und sichere Eigentumsrechte, folgen.

Acemoglu II
James A. Acemoglu
James A. Robinson
Economic origins of dictatorship and democracy Cambridge 2006

Acemoglu I
James A. Acemoglu
James A. Robinson
Why nations fail. The origins of power, prosperity, and poverty New York 2012
Moral Kohlberg Habermas IV 260
Moral/Entwicklung/Psychologie/Kohlberg/Habermas: L. Kohlberg unterscheidet drei Ebenen des moralischen Bewusstseins (1), a) die präkonventionelle Ebene, auf der nur Handlungsfolgen beurteilt werden, b) die konventionelle, auf der bereits die Orientierung an und der Verstoß gegen Normen beurteilt wird, c) die postkonventionelle Ebene, auf der auch die Normen selbst im Lichte von Prinzipien beurteilt werden.
1.L. Kohlberg, Zur kognitiven Entwicklung des Kindes, Frankfurt 1974.


Slater I 165
Moral/Kohlberg: Wie Piaget (>Moral/Piaget) bat Kohlberg (1963/2008)(1) Kinder, über eine Situation nachzudenken. Z.B. das Heinz-Dilemma. Def Heinz-Dilemma: Herr Heinz, der Ehemann einer krebskranken Frau, brach in eine Apotheke ein, um ein Medikament zu stehlen, nachdem sich der Apotheker geweigert hatte, ihm das Medikament zu einem reduzierten Preis oder auf Kredit zu geben.
Die Kinder (Jungen im Alter von 10 bis 13 Jahren) diskutierten dann ausführlich über dieses Problem.
Phasen/Kohlberg: 6 Stufen der Moral, gruppiert in drei Ebenen:

Erste Ebene: die präkonventionelle Ebene, Urteile sind durch Eigeninteresse gekennzeichnet.

Die Orientierung auf Stufe 1 konzentriert sich darauf, Strafen zu vermeiden und Gehorsam um seiner selbst willen zu zeigen.
Die Ausrichtung auf der zweiten Stufe konzentriert sich auf das, was Kohlberg "naiver instrumentaler Hedonismus" nannte, der oft als "Du kratzt meinen Rücken und ich kratze deinen" bezeichnet wird.

Zweite Ebene: die Moral der konventionellen Rollenkonformität, in der Urteile durch die Betonung sozialer Beziehungen und die Wertschätzung von Normen und Konventionen gekennzeichnet sind.

Die Ausrichtung der dritten Stufe konzentriert sich auf die Aufrechterhaltung positiver Beziehungen zu anderen, indem sie den erwarteten gesellschaftlichen Standards für gute Leistungen folgt.
Die Ausrichtung der vierten Stufe konzentriert sich auf die Einhaltung der Gesetze zur Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung.

Dritte Ebene: Moral der selbst akzeptierten moralischen Prinzipien, mit Urteilen, die sich durch einen Fokus auf die intern gehaltenen moralischen Prinzipien auszeichnen.

Die Ausrichtung der fünften Stufe konzentriert sich auf die Koordination der Interessen der Gruppe mit wichtigen universellen Werten wie der Notwendigkeit, das Leben zu erhalten.
Stufe 6 konzentriert sich auf das Handeln nach dem Gewissen in Bezug auf die Grundprinzipien der Fairness wie Gleichheit und Menschenrechte.

Kohlbergs These: Es ist notwendig, dass Individuen die Phasen in der Reihenfolge durchlaufen. Das Muster der Zusammenhänge (...) unterstützte die Vorstellung, dass die höheren Ebenen der moralischen Argumentation die niedrigeren Ebenen ersetzen, während sich Kinder entwickeln.

Vor Kohlberg und Piaget waren die dominanten Ansichten der moralischen Entwicklung der behavioristische Ansatz, der sich darauf konzentriert, wie Verhaltensweisen durch Konditionierung erworben werden, der Sozialisationsansatz, der die Internalisierung sozialer Normen betont, und der psychodynamische Ansatz, der die Rolle unbewusster Motive im menschlichen Verhalten betont. Jeder dieser Ansätze stellt Kinder als passive Empfänger von Werten und Normen dar, die ihnen entweder extern oder intern über unbewusste Prozesse auferlegt werden. Kohlberg hingegen charakterisierte die moralische Argumentation von Kindern als sich entwickelnd, wenn sie in komplexen sozialen Umgebungen interagieren und Erfahrungen mit sozialen Rollen sammeln (Turiel, 2008)(2). Kohlberg argumentierte, dass selbst kleine Kinder die mentale und emotionale Fähigkeit haben, ihr soziales Umfeld zu verstehen und über die moralischen Auswirkungen ihres Verhaltens nachzudenken.



1. Kohlberg, L. (1963/2008). The development of children’s orientations toward a moral order. I: Sequence in the development of moral thought. Human Development, 51, 8—20.
2. Turiel, E. (2008). The development of children’s orientations toward moral, social, and personal orders: More than a sequence in development. Human Development, 51, 21—39.


Gail D. Heyman and Kang Lee, “Moral Development. Revisiting Kohlberg’s Stages“, in: Alan M. Slater and Paul C. Quinn (eds.) 2012. Developmental Psychology. Revisiting the Classic Studies. London: Sage Publications



Upton I 124
Postkonventionelle Moral/Kohlberg/Upton: Kohlberg (1958(1) schlug vor, dass die meisten Jugendlichen die Ebene II [konventionelle Moral] erreichen und die meisten von uns im Erwachsenenalter auf dieser Ebene der Argumentation bleiben. Nur wenige Individuen erreichen die postkonventionelle Ebene des Denkens; tatsächlich fand Kohlberg die Stufe 6 so selten, dass sie inzwischen aus der Theorie entfernt wurde. >VsKohlberg.

1. Kohlberg, L (1958). The development of modes of moral thinking and choice in the years 10 to
16. Unpublished doctoral thesis, University of Chicago.

Kohlb I
Lawrence Kohlberg
The Philosophy of Moral Development: Moral Stages and the Idea of Justice New York 1981

Ha I
J. Habermas
Der philosophische Diskurs der Moderne Frankfurt 1988

Ha III
Jürgen Habermas
Theorie des kommunikativen Handelns Bd. I Frankfurt/M. 1981

Ha IV
Jürgen Habermas
Theorie des kommunikativen Handelns Bd. II Frankfurt/M. 1981

Slater I
Alan M. Slater
Paul C. Quinn
Developmental Psychology. Revisiting the Classic Studies London 2012

Upton I
Penney Upton
Developmental Psychology 2011
Multikulturalismus Liberalismus Gaus I 256
Multikulturalismus/Liberalismus/Kukathas: (...) Spaltungen bestehen nicht nur zwischen liberalen Verteidigern des Multikulturalismus und ihren Kritikern, sondern auch unter den liberalen Theoretikern selbst. Zwei große, miteinander verbundene Fragen haben die Debatte unter ihnen geprägt: das Ausmaß, in dem Vielfalt von den Liberalen toleriert werden sollte, wenn sich Minderheiten als illiberal erweisen, und die prinzipielle Grundlage der liberalen Akzeptanz kultureller Vielfalt. Toleranz: Für einige sind die Grenzen der liberalen Toleranz klar: Die Duldung wird nicht auf illiberale Minderheiten ausgedehnt. Für Kymlicka zum Beispiel befürwortet der Liberalismus gruppendifferenzierte Rechte, die einen äußeren Schutz für Gruppen vorsehen, lässt aber keine "internen Einschränkungen" zu: Gruppen dürfen die grundlegenden Bürgerrechte ihrer Mitglieder nicht einschränken. >Minderheitenrechte/Kymlicka, >Gruppenrechte/Politische Theorien, >Menschenrechte/Kymlicka.
In der Tat ist für Kymlicka (1989(1); 1995a(2)) das, was der Liberalismus schützt, vor allem die Fähigkeit des Individuums zur autonomen Wahl; Kultur ist wichtig, weil sie der Kontext ist, in dem der Einzelne lernt, wie man wählt, aber ihr Wert nimmt ab, wenn sie den Einzelnen nicht mehr in die Lage versetzt, sein Leben selbst zu wählen.
Autonomie: Eine Reihe anderer liberaler Theoretiker stimmen in dieser Frage mit Kymlicka überein und argumentieren, dass der Liberalismus die Autonomie schützt und dass Kulturen, die die Autonomie nicht schätzen oder fördern, weniger Toleranz verdienen oder bestenfalls aus pragmatischen statt aus prinzipiellen Gründen toleriert werden sollten (Fitzmaurice, 1993(3); Levy, 1997(4); Gill 2001(5)) (...).
VsAutonomie: Andere Liberale sind jedoch weniger in die Autonomie verliebt. Einige, wie Jeff Spinner-Halev, halten Autonomie für wertvoll, stehen aber denen kritisch gegenüber, die ihre Bedeutung überbetonen oder Autonomie so streng definieren, dass viele Lebensweisen nicht in Frage kommen (Spinner-Halev, 2000(6): 62-7; Spinner, 1994(7)).
Toleranz: Andere haben sich jedoch noch kritischer zur Autonomie geäußert, was darauf hindeutet, dass Toleranz oder Achtung der Vielfalt für Liberale viel wichtigere Erwägungen sind (Galston, 1995(8); Kukathas, 1992a(9); 1999(10); 2003a;(11) für eine Analyse dieser liberalen Spaltung siehe Levy, 2003)(15)
Toleranz/Kukathas: Insbesondere Kukathas (1997(12); 2001(13); 2003b(14)) hat energisch argumentiert, dass Toleranz eine so wichtige liberale Tugend ist, dass eine liberale Ordnung eine Vielfalt von Kulturen tolerieren wird, auch wenn einige von ihnen höchst illiberal sind.


1. Kymlicka, Will (1989) Liberalism, Community and Cultuæ. Oxford: Oxford University Press.
2. Kymlicka, Will (1995a) Multicultural Citizenship: A Liberal Theory of Minority Rights. Oxford: Oxford University Press.
3. Fitzmaurice, Deborah (1993) 'Autonomy as a good: liberalism, autonomy and toleration'. Journal of Political Philosophy, 1 1-16.
4. Levy, Jacob (1997) 'Classifying cultural rights'. In Will Kymlicka and Ian Shapiro, eds, Ethnicity and Gmup Rights: NOMOS XXXIX New York: New York University Press, 22—66.
5. Gill, Emily R. (2001) Becoming Free: Autonomy and Diversity in the Liberal Polity. Lawrence, KS:
University of Kansas Press.
6. Spinner-Halev, Jeff (2000) Surviving Diversity: Religion and Democratic Citizenship. Baltimore: Johns Hopkins University Press.
7. Spinner, Jeff (1994) The Boundaries of Citizenship: Race, Ethnicity and Nationality in the Liberal State. Baltimore: Johns Hopkins University Press.
8. Galston, William (1995) 'Two concepts of Liberalism', Ethics, 105(3): 516-34.
9. Kukathas, Chandran (1992a) 'Are there any cultural rights?' Political Theory, 20 105-39.
10. Kukathas, Chandran (1999) 'Tolerating the intolerable'. Papers on Parliament, 33: 67-81.
11. Kukathas, Chandran (2003a) 'Responsibility for past injustice: how to shift the burden'. Politics, Philosophy and Economics, 2 (2): 165-88.
12. Kukathas, Chandran (1997) 'Cultural toleration'. In Will Kymlicka and Ian Shapiro, eds, Ethnicity and Group Rights: NOMOS XXXIX New York: New York University Press, 69—104.
13. Kukathas, Chandran (2001) 'Is Feminism Bad for Multiculturalism?' Public Affairs Quarterly, 15 (2): 83-98.
14. Kukathas, Chandran (2003b) The Liberal Archipelago: A Theory of Diversity and Freedom. Oxford: Oxford University Press.
15.Levy, Jacob (2003) 'Liberalism's divide, after socialism and before'. Social Philosophy and Policy, 20 (l): 278-97.


Kukathas, Chandran 2004. „Nationalism and Multiculturalism“. In: Gaus, Gerald F. & Kukathas, Chandran 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004
Naturrecht Kelsen Brocker I 138
Naturrecht/Demokratie/Politische Theorie/Kelsen: In aller naturrechtlichen Argumentation vermutet er die Suche nach »vordemokratischen Herrschaftsreservaten«.(1) Dazu zählen die (…) Idee der Repräsentation, alle Überlegungen hinsichtlich des Wesens oder der Substanz des Volkes, aber auch Überlegungen zu Grundrechten oder Menschenrechten, insofern sie verabsolutiert werden. >Menschenrechte/Kelsen.

1. R. Chr. van Ooyen, Hans Kelsen und die offene Gesellschaft, Wiesbaden 2010


Marcus Llanque, „Hans Kelsen, Vom Wesen und Wert der Demokratie“, in: Manfred Brocker (Hg.) Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert. Frankfurt/M. 2018

Brocker I
Manfred Brocker
Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert Frankfurt/M. 2018
Politische Philosophie Freeden Gaus I 10
Politische Philosophie/Freeden: Die Ziele der anglo-amerikanischen politischen Philosophie sind jene, die im Zentrum der liberalen Tradition stehen: die Förderung eines besonderen Verständnisses von Freiheit als Autonomie, gepaart mit der Überzeugung von der Möglichkeit und Notwendigkeit individueller Selbstentfaltung, die durch die grundlegenden Menschenrechte garantiert wird, und einer wachsenden Betonung der Gleichheit. Dieses Bündel ist vorwiegend in der Sprache des moralischen Universalismus formuliert worden; in Brian Barrys Formulierung "es gibt keine ausgeprägte liberale Theorie der politischen Grenzen auf der Ebene des Prinzips" (2001: 137)(1). Diese Ziele haben sich im Laufe der Zeit nicht geändert, obwohl die Voraussetzungen für ihre Erreichung auch im liberalen Lager unterschiedlich verstanden und auch von denjenigen gefördert wurden, die unter dem Etikett der Libertären, ja sogar der individualistischen Anarchisten, auftreten sollten. In der Regel jedoch stellte der Kern des Liberalismus des 20. Jahrhunderts einen Appell für die Freisetzung eines von Einzelpersonen ausgehenden Stroms freier, vitaler und spontaner Aktivität dar, der sich nicht durch eine innere rationale Logik, sondern durch einen erfolgreichen Appell an den Intellekt und die Emotionen der Unterdrückten und Unterprivilegierten über den Globus verbreitete (Hobhouse, 1911(2); Freeden, 2001b(3): 21-2). >Liberalismus/Freeden, >Ideologie/Freeden.


1. Barry, B. 2001. Culture and Equality. Cambridge: Polity. Canovan, M. (1992) Hannah Arendt. Cambridge: Cambridge University Press.
2. Hobhouse, L. T. 1911. Liberalism. London: Williams and Norgate.
3. Freeden, M. 2001b. ‘Twentieth-century liberal thought: development or transformation?’ In M. Evans, ed., The Edinburgh Companion to Contemporary Liberalism. Edinburgh: Edinburgh University Press. 21-2


Freeden, M. 2004. „Ideology, Political Theory and Political Philosophy“. In: Gaus, Gerald F. 2004. Handbook of Political Theory. SAGE Publications.

Gaus I
Gerald F. Gaus
Chandran Kukathas
Handbook of Political Theory London 2004
Rechte Locke Höffe I 245
Rechte/Locke/Höffe: (Staats-)«bürgerlich» (civil) nennt Locke die Grundgüter jedes Staatsbürgers, «life, liberty and property», das Leben mitsamt der körperlichen Unversehrtheit, die Freiheit und das Eigentum. Dafür und nur dafür, nicht aber für das Seelenheil zuständig, fallen Religion und Religionsausübung nicht in die Kompetenz des Staates. Schon weil die Sorge um das Seelenheil eine Privatsache der Gläubigen ist, geht es die Obrigkeit nichts an. Im Übrigen ist sie mit ihren Mitteln, äußeren Zwangsmitteln, gar nicht imstande, die doch innere Freiheit des religiösen Fürwahrhaltens einzuschränken. Vgl. >Menschenrechte/Locke, >Staat/Locke, >Eigentum/Locke.

Loc III
J. Locke
An Essay Concerning Human Understanding
Roboter Church Brockman I 242
Roboter/Menschenrechte/George M. Church: Wahrscheinlich sollten wir uns weniger um das "wir-versus-sie" kümmern und uns mehr mit den Rechten aller Gesinnungen angesichts einer sich abzeichnenden beispiellosen Vielfalt von Geistern beschäftigen. Wir sollten diese Vielfalt nutzen, um globale existenzielle Risiken wie Supervulkane und Asteroiden zu minimieren.
Brockman I 243
Ganz praktisch müssen wir uns mit den ethischen Regeln befassen, die immer intelligenteren und vielfältigeren Maschinen eingebaut, von ihnen erlernt oder probabilistisch für sie gewählt werden sollten. Wir haben eine ganze Reihe von Trolley-Problemen. Bei welcher Anzahl von Menschen, die zu Tode kommen würden, sollte der Computer beschließen, einen Wagen auf eine einzelne Person umzulenken? Letztendlich könnte es sich um ein tiefliegendes Problem handeln - ein Problem, bei dem riesige Datenbanken mit Fakten und Eventualitäten berücksichtigt werden können, einige davon scheinbar weit entfernt von der vorliegenden Ethik. >Trolley-Problem/Church.
Brockman I 244
Fragen, die zunächst fremdartig und beunruhigend erscheinen, wie "Wem gehören diese neuen Geister und wer zahlt für ihre Fehler?", ähneln den etablierten Gesetzen darüber, wem die Sünden eines Unternehmens zugeschrieben werden und wer für diese zahlt.
Brockman I 248
Roboter/Weizenbaum/Church: In seinem 1976 erschienenen Buch Computer Power and Human Reason(1) argumentierte Joseph Weizenbaum, dass Maschinen den Homo nicht ersetzen sollten, wenn es um Respekt, Würde oder Pflege geht, während andere (Autorin Pamela McCorduck und Informatiker wie John McCarthy und Bill Hibbard) argumentierten, dass Maschinen unparteiischer, ruhiger und konsequenter sowie weniger missbrauchend oder boshaft sein können als Menschen in solchen Positionen. George M. ChurchVsJefferson: (...) Wenn wir den geografischen Standort ändern und reifen, ändern sich unsere ungleichen Rechte dramatisch. Embryonen, Säuglinge, Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Patienten, Schwerverbrecher, geschlechtsspezifische Identitäten und Präferenzen, die sehr Reichen und die sehr Armen - all diese sind mit unterschiedlichen
Brockman I 249
Rechten und sozioökonomische Realitäten konfrontiert. Ein Weg zu neuen Arten von Geist [deren Träger] die Rechte erlangen und bewahren könnten, die denen gleichen, die die entwickeltsten Menschen haben, wäre es, einen "Homo component" [zu entwerfen]. [ Dieser wäre] wie eine menschliche Galionsfigur oder ein CEO, der blindlings enorme technische Dokumente unterschreibt oder Entscheidungen auf finanziellem, gesundheitlichem, diplomatischem oder militärischem Gebiet fällt. >Robotergesetze/Church, George M.
Brockman I 250
Spiegeltest/Selbstbewusstsein: Die Roboter der Baureihe Qbo haben den "Spiegeltest" zur Selbsterkenntnis und die Roboter der Baureihe NAO einen entsprechenden Test zur Erkennung der eigenen Stimme und zur Ableitung ihres inneren Zustands des Seins, stumm oder nicht, bestanden. Freier Wille / Computer / Church: Für den freien Willen haben wir Algorithmen, die weder vollständig deterministisch noch zufällig sind, sondern auf eine nahezu optimale probabilistische Entscheidungsfindung abzielen. Man könnte argumentieren, dass dies eine praktische darwinistische Konsequenz der Spieltheorie ist. Für viele (nicht alle) Spiele/Probleme gilt,dass wir, wenn wir völlig vorhersehbar oder zufällig in unserem Handeln sind, dazu neigen zu verlieren.
Qualia: Wir könnten darüber argumentieren, ob der Roboter tatsächlich subjektive Qualia für freien Willen oder Selbstbewusstsein erlebt, aber das Gleiche gilt für die Bewertung eines Menschen. Woher wissen wir, dass ein Soziopath, ein Komapatient, eine Person mit Williams-Syndrom oder ein Baby den gleichen freien Willen oder das gleiche Selbstbewusstsein hat wie wir selbst? Und was spielt das, praktisch gesehen, für eine Rolle? Wenn Menschen (jeglicher Art) überzeugend behaupten, Bewusstsein, Schmerz, Glaube, Glück, Ehrgeiz und/oder Nutzen für die Gesellschaft zu erleben, sollten wir ihnen dann die Rechte verweigern, weil ihre hypothetische Qualia hypothetisch anders ist als unsere?
Brockman I 251
Wandeln Transhumanen bereits auf der Erde? Man denke nur an die "unkontaktierten Völker", wie die Sentinelesen und Andamanen Indiens (...).
Brockman I 252
Wie würden sie oder unsere Vorfahren reagieren? Wir könnten "transhuman" definieren als Menschen und Kulturen, die für den Menschen, der in einer modernen, aber un-technologischen Kultur lebt, nicht verständlich sind. Die Frage "Was war ein Mensch?" hat sich bereits in "Was waren die vielen Arten von Transhumanen?... Und was waren ihre Rechte?" gewandelt.

1. Weizenbaum, J. Computer Power and Human Reason. From Judgment to Calculation. San Francisco: W. H. Freeman, 1976


Church, George M. „The Rights of Machines” in: Brockman, John (ed.) 2019. Twenty-Five Ways of Looking at AI. New York: Penguin Press.

Chur I
A. Church
The Calculi of Lambda Conversion. (Am-6)(Annals of Mathematics Studies) Princeton 1985

Brockman I
John Brockman
Possible Minds: Twenty-Five Ways of Looking at AI New York 2019
Roboterethik Church Brockman I 242
Roboter/Menschenrechte/George M. Church: Wahrscheinlich sollten wir uns weniger um das "wir-versus-sie" kümmern und uns mehr mit den Rechten aller Gesinnungen angesichts einer sich abzeichnenden beispiellosen Vielfalt von Geistern beschäftigen. Wir sollten diese Vielfalt nutzen, um globale existenzielle Risiken wie Supervulkane und Asteroiden zu minimieren.
Brockman I 243
Ganz praktisch müssen wir uns mit den ethischen Regeln befassen, die immer intelligenteren und vielfältigeren Maschinen eingebaut, von ihnen erlernt oder probabilistisch für sie gewählt werden sollten. Wir haben eine ganze Reihe von Trolley-Problemen. Bei welcher Anzahl von Menschen, die zu Tode kommen würden, sollte der Computer beschließen, einen Wagen auf eine einzelne Person umzulenken? Letztendlich könnte es sich um ein tiefliegendes Problem handeln - ein Problem, bei dem riesige Datenbanken mit Fakten und Eventualitäten berücksichtigt werden können, einige davon scheinbar weit entfernt von der vorliegenden Ethik. >Trolley-Problem/Church.
Brockman I 244
Fragen, die zunächst fremdartig und beunruhigend erscheinen, wie "Wem gehören diese neuen Geister und wer zahlt für ihre Fehler?", ähneln den etablierten Gesetzen darüber, wem die Sünden eines Unternehmens zugeschrieben werden und wer für diese zahlt.
Brockman I 248
Roboter/Weizenbaum/Church: In seinem 1976 erschienenen Buch Computer Power and Human Reason(1) argumentierte Joseph Weizenbaum, dass Maschinen den Homo nicht ersetzen sollten, wenn es um Respekt, Würde oder Pflege geht, während andere (Autorin Pamela McCorduck und Informatiker wie John McCarthy und Bill Hibbard) argumentierten, dass Maschinen unparteiischer, ruhiger und konsequenter sowie weniger missbrauchend oder boshaft sein können als Menschen in solchen Positionen. George M. ChurchVsJefferson: (...) Wenn wir den geografischen Standort ändern und reifen, ändern sich unsere ungleichen Rechte dramatisch. Embryonen, Säuglinge, Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Patienten, Schwerverbrecher, geschlechtsspezifische Identitäten und Präferenzen, die sehr Reichen und die sehr Armen - all diese sind mit unterschiedlichen
Brockman I 249
Rechten und sozioökonomische Realitäten konfrontiert. Ein Weg zu neuen Arten von Geist [deren Träger] die Rechte erlangen und bewahren könnten, die denen gleichen, die die entwickeltsten Menschen haben, wäre es, einen "Homo component" [zu entwerfen]. [ Dieser wäre] wie eine menschliche Galionsfigur oder ein CEO, der blindlings enorme technische Dokumente unterschreibt oder Entscheidungen auf finanziellem, gesundheitlichem, diplomatischem oder militärischem Gebiet fällt. >Robotergesetze/Church, George M.
Brockman I 250
Spiegeltest/Selbstbewusstsein: Die Roboter der Baureihe Qbo haben den "Spiegeltest" zur Selbsterkenntnis und die Roboter der Baureihe NAO einen entsprechenden Test zur Erkennung der eigenen Stimme und zur Ableitung ihres inneren Zustands des Seins, stumm oder nicht, bestanden. Freier Wille / Computer / Church: Für den freien Willen haben wir Algorithmen, die weder vollständig deterministisch noch zufällig sind, sondern auf eine nahezu optimale probabilistische Entscheidungsfindung abzielen. Man könnte argumentieren, dass dies eine praktische darwinistische Konsequenz der Spieltheorie ist. Für viele (nicht alle) Spiele/Probleme gilt,dass wir, wenn wir völlig vorhersehbar oder zufällig in unserem Handeln sind, dazu neigen zu verlieren.
Qualia: Wir könnten darüber argumentieren, ob der Roboter tatsächlich subjektive Qualia für freien Willen oder Selbstbewusstsein erlebt, aber das Gleiche gilt für die Bewertung eines Menschen. Woher wissen wir, dass ein Soziopath, ein Komapatient, eine Person mit Williams-Syndrom oder ein Baby den gleichen freien Willen oder das gleiche Selbstbewusstsein hat wie wir selbst? Und was spielt das, praktisch gesehen, für eine Rolle? Wenn Menschen (jeglicher Art) überzeugend behaupten, Bewusstsein, Schmerz, Glaube, Glück, Ehrgeiz und/oder Nutzen für die Gesellschaft zu erleben, sollten wir ihnen dann die Rechte verweigern, weil ihre hypothetische Qualia hypothetisch anders ist als unsere?
Brockman I 251
Wandeln Transhumanen bereits auf der Erde? Man denke nur an die "unkontaktierten Völker", wie die Sentinelesen und Andamanen Indiens (...).
Brockman I 252
Wie würden sie oder unsere Vorfahren reagieren? Wir könnten "transhuman" definieren als Menschen und Kulturen, die für den Menschen, der in einer modernen, aber untechnologischen Kultur lebt, nicht verständlich sind. Die Frage "Was war ein Mensch?" hat sich bereits in "Was waren die vielen Arten von Transhumanen?... Und was waren ihre Rechte?" gewandelt.

1. Weizenbaum, J. Computer Power and Human Reason. From Judgment to Calculation. San Francisco: W. H. Freeman, 1976


Church, George M. „The Rights of Machines” in: Brockman, John (ed.) 2019. Twenty-Five Ways of Looking at AI. New York: Penguin Press.

Chur I
A. Church
The Calculi of Lambda Conversion. (Am-6)(Annals of Mathematics Studies) Princeton 1985

Brockman I
John Brockman
Possible Minds: Twenty-Five Ways of Looking at AI New York 2019
Rousseau Höffe Höffe I 269
Rousseau/Höffe: Auf die Preisfrage der Akademie von Dijon, «ob die Wiederherstellung der Wissenschaften und Künste zur Läuterung der Sitten beigetragen» habe, antwortet Rousseau mit einem schroffen «Nein». Die preisgekrönte Abhandlung, die rhetorisch brillante Erste Abhandlung über die Wissenschaften und Künste(1) schlägt in Paris wie eine Bombe ein. Der unbekannte Vagabund aus dem Ausland, Genf, wird zum Mittelpunkt der gesellschaftlichen, literarischen und philosophischen Salons.
HöffeVsRousseau: Achtet man auf den einzigen Grundgedanken, den Rousseau in vielen Anläufen und ohne überragenden Scharfsinn entfaltet, so muss der Erfolg überraschen. Selbst die Botschaft ist nicht so ungewöhnlich, im Gegenteil
Höffe I 270
beantworten die meisten eingereichten Texte die Preisfrage mit einem Nein. Außergewöhnlich ist jedoch der Stil, die mitleidlos heftige Polemik gegen die bislang gepriesenen Wissenschaften und Künste.
Höffe I 283
Nachwirkung: [Rousseau], der am meisten gelesene französische Autor der Aufklärungszeit, [gilt] als Vater der Moderne und der Antimoderne zugleich. Denn er wird zu einer Inspirationsquelle sowohl der Französischen Revolution als auch der anschließenden Restauration.
Höffe I 284
Revolution: Der führende Revolutionär Maximilien de Robespierre hat auf seinem Tisch ständig ein Exemplar des Gesellschaftsvertrages liegen, und in Anlehnung an Rousseaus Bürgerreligion (>Religion/Rousseau) lässt er das Dasein des «Höchsten Wesens» und die Unsterblichkeit der Seele vom Konvent zum Gesetz erheben. Restauration: Auch die Restauration kann sich auf Rousseau berufen, leistet er ihr doch
insofern Vorschub, als er die zukunftsweisenden Gedanken von Spinoza, Pufendorf, Locke und Montesquieu kaum fortbildet:
Höffe: Rousseau ist weder ein Vater der Grund- und Menschenrechte noch einer der Gewaltenteilung. Und trotz der Kritik an Offenbarung und christlichen Kirchen kommt er mit seinem Verdikt gegen den Atheismus der Restauration zumindest entgegen. Trotzdem wird er die Staatsphilosophie bis mindestens Marx beeinflussen.
Rousseaus Einfluss in Deutschland wird durch die frühe Übersetzung der beiden Abhandlungen und deren Rezension durch Gotthold Ephraim Lessing befördert. Die nachhaltigste Wirkung erhält er aber bei und durch Immanuel Kant.
Fichte: Johann Gottlieb Fichte übernimmt Rousseaus Freiheitspathos. Im Überbieten eines Rousseau-Satzes erklärt er: «Jeder, der Sich für einen Herrn anderer hält ist selbst ein Sklave.» Hegel: Hegel nennt in seinen Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie Hume und Rousseau die beiden Denker, von denen die deutsche Philosophie ausgeht. (...) in den Grundlinien der Philosophie des Rechts (§ 258), [wird Hegel] Rousseau das Verdienst zugute halten, «den Willen als Prinzip des Staates aufgestellt zu haben».
HegelVsRousseau: Im Anschluss kritisiert er aber die empirische Seite in Rousseaus Gesellschaftsvertrag, sie setze nämlich den Staat der Willkür der Bürger aus.
HegelVsVertragstheorie/Höffe: Weil Hegel, aber auch britische und französische Denker das Vertragsdenken generell kritisieren, verliert es für viele Generationen an Bedeutung.


1. Rousseau, Premier Discours sur les sciences et les arts, 1750

Höffe I
Otfried Höffe
Geschichte des politischen Denkens München 2016
Staat Locke Mause I 36
Staat/Locke: Staatszweck ist für Locke der Eigentumsschutz. Das setzt theoretisch voraus, dass bei Locke, anders als bei Hobbes, Eigentumsrechte bereits im Naturzustand existieren und Letzterer nicht per se ein Kriegszustand ist, sodass der vertraglich gegründete staatliche Zustand dem Naturzustand nur dann vorzuziehen und insofern legitim ist, wenn in ihm das Eigentum besser geschützt ist als davor; und das bedeutet insbesondere auch, dass es unter allen Umständen vor Eingriffen des Staates selbst geschützt sein muss.


Höffe I 248
Staat/Liberalismus/Locke/Höffe: Wie Hobbes begründet Locke den Staat aus der Zustimmung freier Menschen, aus einem Gesellschaftsvertrag. Er legt jedoch auf mehr als lediglich die Friedenssicherung Wert. Ihm kommt es auch auf Gewaltenteilung und vor allem auf die drei erwähnten Grundgüter «life, liberty and property» an. Im Sinne einer konkretisierenden Erweiterung taucht gelegentlich auch die Gesundheit auf. LockeVsHobbes/LockeVsAbsolutismus: Ohne die zur Friedenssicherung zusätzlichen Aufgaben, erklärt Locke gegen Hobbes' Absolutismus, würde man «die Menschen für so töricht halten, dass sie zwar zu verhüten suchen, was ihnen Marder oder
Höffe I 249
Füchse antun könnten, aber glücklich sind, ja es für Sicherheit (safety) halten, von Löwen verschlungen zu werden» (§ 93)(1). Herrschaft/Locke: Wegen ihres überragenden Ranges könnte man Lockes Grundgüter («life, liberty and property» ) für Grund- und Menschenrechte halten. Wahr ist, dass sie im Naturzustand zwar jedem zustehen, dort aber nicht gesichert werden. Für das deshalb erforderliche staatsförmige Gemeinwesen, betont Locke immer wieder, wird die notwendige Gewalt an eine kräftige Mehrheit, jedoch nicht an distributiv und kollektiv alle abgetreten. Folglich ist nicht ausgeschlossen, was dem Gedanken eines veritablen Grund- und Menschenrechts widerspricht: dass die Mehrheit einer Minderheit die Rechte einschränkt und wie in Lockes Toleranzbrief den Katholiken und den Atheisten die Toleranz verweigert. Vgl. >Toleranz/Locke.
Höffe I 251
Vorvertraglicher Zustand: Zu den Verbindlichkeiten, die in Lockes vorvertraglichem Naturzustand herrschen, gehört das Recht, mangels einer öffentlichen Gewalt die Verletzung der einschlägigen göttlichen und natürlichen Gebote selbst zu ahnden. Den einzigen Ausweg, den Naturzustand zu verlassen, sieht Locke im Einrichten einer politischen oder bürgerlichen Gesellschaft(2). Sie besteht in einem «politischen Körper», sprich: staatsförmigen Gemeinwesen, das seine Legitimation durch die freie Zustimmung der Mitglieder, vernunftbegabter Lebewesen, also durch einen Gesellschaftsvertrag erhält. >Naturzustand/Locke, >Gesellschaftsvertrag/Locke.


1.Locke, Second treatise of Government, 1689/90
2.Ebenda Kap. VII

Loc III
J. Locke
An Essay Concerning Human Understanding

Mause I
Karsten Mause
Christian Müller
Klaus Schubert,
Politik und Wirtschaft: Ein integratives Kompendium Wiesbaden 2018
Staat Marx Mause I 49/50
Staat/MarxVsHegel/Marx: der Hegel’sche Staat scheint unfähig, das von ihm beanspruchte Primat der Politik gegenüber der Wirtschaft zur Geltung zu bringen; er ist eine machtlose Idealisierung und Verdoppelung seines realen Pendants in der sozialen Wirklichkeit, das aufgrund seiner tatsächlichen Abhängigkeit von der bürgerlichen Gesellschaft keine über die Durchsetzung dieser Gesellschaftsformation hinausweisende emanzipatorische Perspektive im Sinne des republikanischen Projekts bietet. (1) Der „politische Staat“ (2), der der „bürgerlichen Gesellschaft“ (3) historisch zu ihrer Durchsetzung verhalf, ist der bloße Garant dieser atomistischen Gesellschaft des egoistisch seine Privatinteressen verfolgenden bourgeois, dessen Rechte er in Gestalt der liberalen Grund- und Menschenrechte schützt (4).


1. K.Marx, Kritik des Hegelschen Staatsrechts (§ §   261– 313). In Marx Engels Werke, Bd. 1 (MEW 1), Hrsg. Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin 1956, S.   275– 287
2. K. Marx, Zur Judenfrage. In Marx Engels Werke, Bd.  1 (MEW 1), Hrsg. Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, 1. Berlin 1956, S. 351
3. Ebenda S 354-356, 366-370.
4. Ebenda S.361-367

Marx I
Karl Marx
Das Kapital, Kritik der politische Ökonomie Berlin 1957

Mause I
Karsten Mause
Christian Müller
Klaus Schubert,
Politik und Wirtschaft: Ein integratives Kompendium Wiesbaden 2018
Toleranz Locke Höffe I 243
Toleranz/Locke/Höffe: [In Lockes] Versuch über Toleranz (Essay Concerning Toleration, 1667), [empiehlt er] (...) die protestantischen Religionsgemeinschaften («Sekten») zu tolerieren (...), da ihre Mitglieder einen bemerkenswerten Gewerbefleiß entfalten. Atheisten jedoch und Katholiken werden von der Toleranz ausgenommen.
Höffe I 245
Brief über Toleranz/Locke: Nach der zunächst auf Englisch, später auf Latein und in beiden Sprachen anonym veröffentlichten Schrift besteht der Kern der Toleranz in einer wechselseitigen Nichteinmischung: Der Staat darf nicht in kirchliche und die Kirche nicht in staatliche Angelegenheiten eingreifen. Das vielerorts geforderte Bekenntnis zu einer Staatskirche hält er für unklug, da es gewaltsamen Widerstand provoziert, und, blickt man auf den jeweiligen Leitzweck, für illegitim: Als weltliche Schutzeinrichtung hat der Staat die Aufgabe und dank des Gewaltmonopols auch die Macht, gegen Übergriffe zu schützen. >Menschenrechte/Locke.
Höffe I 246
Grenzen der Toleranz: Für heutige Leser fremd, führt Locke wie schon im Versuch über Toleranz zwei Grenzen für die staatliche Toleranzpflicht ein:
LockeVsAtheismus: Sie besteht nicht gegenüber Atheisten, da sie den letzten Gesetzgeber der Moral, Gott, leugnen, ...
LockeVsKatholizismus: ... ebenfalls gilt sie nicht gegenüber den Katholiken, weil sie ein dem eigenen Staat fremdes Ober- haupt, den Papst, anerkennen.
HöffeVsLocke: Die beiden Fragen, die sich hier aufdrängen: ob es bei Atheisten denn keine Moral gebe und ob bei Katholiken die Anerkennung des Papstes Sich nicht auf Glaubensfragen beschränken könnte, so dass es zum befürchteten Loyalitätskonflikt gar nicht kommt, stellt sich Locke nicht.


1.Locke, Brief über Toleranz, 1689

Loc III
J. Locke
An Essay Concerning Human Understanding
Utilitarismus Mill Höffe I 348
Utilitarismus/Mill/Höffe: Def Utilitarismus/Mill(1): (...) die Ansicht, die Grundlage der Moral bilde das größte Glück, wobei das Glück im Begriff von Lust bzw. Freude (pleasure) und dem Freisein von Unlust bzw. Leid zu verstehen ist.
Weil «Lust» im Griechischen hédoné heißt, handelt es sich um einen Hedonismus.
MillVsBentham: Im Vergleich zu Mills Vorbild, Bentham, fällt auf, dass der zweite Teil dessen utilitaristischen Prinzips «die größte Zahl», für die das «größte Glück» zu suchen ist, hier fehlt.
Freiheit/MillVsBentham: Für Mill als leidenschaftlichen Anwalt individueller Freiheit ist dieses Defizit kaum ein Zufall.
Im Text taucht zwar später die Formel «Glück aller Betroffenen» doch auf, allerdings ohne Benthams zweifache Maximierung: «größtes» Glück der «größten» Zahl. Wegen dieses Defizits setzt sich Mill nicht mit Benthams Vorschlag und dessen erheblichen Schwierigkeiten auseinander, das gesuchte Kollektivwohl mit einem einfachen Verfahren, einem «hedonischen Kalkül» (hedonic calculus), zu berechnen.
MillVsBentham:
1) Die erste und bedeutsamste Veränderung, der qualitative Hedonismus, tritt dem gegen Bentham erhobenen Vorwurf entgegen, der Utilitarismus sei eine Ethik für Genussmenschen. Der britische Schriftsteller und Historiker Thomas Carlyle hatte ihn zum Einwand zugespitzt, der Utilitarismus sei eine Philosophie für Schweine (pig philosophy).
Bentham: Nach Benthams provokativem Aphorismus, bei gleicher Qualität der Lust sei ein anspruchsloses Kinderspiel so gut wie Poesie, zählen die qualitativen Unterschiede zwischen den verschiedenen Anlässen und Arten von Freude ausdrücklich nicht.
Höffe I 349
Mill: Gegen diesen vulgarisierten Hedonismus vertritt Mill die pointierte Gegenthese, es sei besser, ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedenes Schwein zu sein. Er betont den unterschiedlichen Rang der Freuden, die man genießen kann, und zugleich den Vorrang wissenschaftlicher, künstlerischer und humanitärer Tätigkeiten. 2) (...) beim Versuch, das utilitaristische Prinzip zu beweisen, lehnt Mill zu Recht die Möglichkeit eines direkten Beweises ab. Denn wahrhafte Prinzipien sind schlechthin erste Sätze, die sich
genau deshalb nicht beweisen lassen. >Theorie/Mill).
Lösung/Mill: a) Den Kern bildet der Ausdruck «wünschens- und begehrenswert» (desirable), der zwei Bedeutungen hat. In einem empirisch-psychologischen Sinn bezeichnet er das, was die Menschen tatsächlich für wünschens- und begehrenswert halten, in einem normativ-ethischen Sinn, was sie so einschätzen sollen.
Naturalistischer Fehlschluss/HöffeVsMIll: Interpretiert man Mills sogenannten Beweis als
logische Ableitung der ethischen Bedeutung von desirable aus der empirischen Bedeutung, so liegt offensichtlich ein Sein-Sollen-Fehlschluss vor.
VsVs: Da aber Mill in seinem
Höffe I 350
System der Logik, dessen letztem Kapitel, deutlich zwischen Sein und Sollen unterscheidet, kann man den sogenannten Beweis wohlwollend auch so interpretieren: Eine erfahrungsoffene Ethik versteht das Wünschenswerte im Sinne von jenen aufgeklärten Menschen, die die unterschiedlichen Freuden kennen und die in humaner Sicht höherrangigen vorziehen. ((s)Vgl. >Präferenzutilitarismus). 3) Ist Gerechtigkeit mit dem Utilitarismus vereinbar? Mill erkennt hier die Existenz eines natürlichen Gerechtigkeitsgefühls an, hält dieses aber nicht für ein ursprüngliches, sondern abgeleitetes Gefühl. Um diese These zu verteidigen, unterscheidet er verschiedene Ansichten von Gerechtigkeit, beispielsweise das Gebot, gesetzlich verbürgte Rechte einer Person zu achten, jedem das, was er verdient, zu geben, ferner die Gedanken der Unparteilichkeit und der Gleichheit.
Er erkennt dann die traditionelle Unterscheidung von vollkommenen (Gerechtigkeits-) und unvollkommenen (Wohltätigkeits-)Pflichten an. Schließlich behauptet er, ein Recht zu haben bedeute, etwas zu haben, das die Gesellschaft aus keinem anderen Grund als der allgemeinen Nützlichkeit (general utility) schützen sollte.
Gemeinwohl/Mill/Höffe: In diesem Argument steckt entweder die These, zwischen dem Kollektivwohl, der allgemeinen Nützlichkeit, und den Rechten einer Person könne es keine Konflikte geben, Oder die Behauptung, im Konfliktfall habe das Kollektivwohl Vorrang vor subjektiven Rechten wie den Grund- und Menschenrechten.
HöffeVsMill: Auch wenn es dem Kollektivwohl dient, darf man das Recht eines Unschuldigen,
nicht bestraft zu werden, Oder das Recht eines Verdächtigen, nicht gefoltert zu werden, auf keinen Fall verletzen.


1. J.St. Mill, Utilitarianism 1861

Mill I
John St. Mill
Von Namen, aus: A System of Logic, London 1843
In
Eigennamen, Ursula Wolf Frankfurt/M. 1993

Mill II
J. St. Mill
Utilitarianism: 1st (First) Edition Oxford 1998
Völkerrecht Hegel I 338
Völkerrecht/Hegel/Höffe: Dass die Rechtsphilosophie(1) in einer Weltgeschichte als «Schlachtbank» und nicht wie bei Kant im höchsten politischen Gut, dem ewigen Frieden, gipfelt, trägt Hegel kaum Sympathien ein. Von heute aus gesehen, von der Dominanz einer universalistischen Rechtsethik mit dem Gedanken von Menschenrechten und einer zunehmenden Verrechtlichung der zwischenstaatlichen Verhältnisse erscheint Kant als überlegen. HegelVsKant: Überdies verwirft Hegel (...) die Idee eines ewigen Friedens, sieht Kriege als für die «sittliche Gesundheit» der Völker unverzichtbar an und begnügt sich für die zwischenstaatlichen Beziehungen mit einem Völkerrecht, das auf eine Weltrechtsordnung, selbst auf dessen bescheidene Vorstufe, einen Staatenbund, verzichtet.


1. Hegel, Vorlesungen zur Philosophie der Geschichte 1821-32 hrsg. v. E. Gans 1837
Volonté Générale Rousseau Höffe I 277
Volonté Générale/Rousseau/Höffe: Der Kerngedanke von Rousseaus Gesellschaftsvertrag (1) besteht in einem kollektiv gemeinsamen Willen, dem Gemeinwillen (volonté générale). Zustande kommt er, sobald sich mehrere Menschen vereint als eine einzige Körperschaft mit einem einzigen Willen betrachten. Im Unterschied zum «distributiv» gemeinsamen Willen, der Summe der individuellen Privatinteressen und Einzelabsichten, dem veränderlichen Willen aller (volonté des tous), ist Rousseaus Gemeinwille seinem Wesen nach «immer gleichbleibend, unveränderlich und rein». Gemeinwohl: Da [der Gemeinwille] auf das Wohl des Ganzen ausgerichtet ist, sowohl auf die gemeinsame Erhaltung als auch auf das allgemeine Wohlergehen, kommt ihm gegenüber dem (partikularen) Willen der Einzelnen stets und ohne Einschränkung der normative Vorrang zu.
Das Gemeinwohl geht auf den Willen der Betroffenen zurück.
Höffe: Frage: Wie stellt man diesen Willen fest? [Rousseau] votiert (...) für eine empirische Lesart des Gemeinwillens. Vgl. >Menschenrechte/Rousseau, >Parlamentarismus/Rousseau.


1. Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts (Du contrat social ou Principes du droit politique, 1762

Rousseau I
J. J. Rousseau
The Confessions 1953
Wertewandel Habermas IV 576
Wertewandel/culture shift/culture change/cultural change/change in values/value change/Inglehart/Habermas: In den entwickelten Gesellschaften des Westens haben sich in den letzten Jahrzehnten Konflikte entwickelt, die in mehreren Hinsichten vom sozialstaatlichen Muster des institutionalisierten Verteilungskonflikts abweichen. Es geht neuerdings eher um die Durchsetzung reformierter Lebensweisen, um Fragen der Grammatik von Lebensformen. Ein Beispiel dafür ist: der Begriff Stille Revolution/silent revolution/Ronald Inglehart: (1).
IV 577
Neu sind die Probleme der Lebensqualität, der Gleichberechtigung, der individuellen Selbstverwirklichung, der Partizipation und der Menschenrechte. (2) Diese neue Politik findet stärkeren Anhang im neuen Mittelstand, in der jüngeren Generation und in den Gruppen mit qualifizierter Schulbildung. Habermas: diese Phänomene passen zur These der inneren Kolonialisierung Siehe Terminologie/Habermas.


1.R. Inglehart, Wertwandel und politisches Verhalten, in: J. Matthes, (Hrsg.) Sozialer Wandel in Europa, Frankfurt, NY 1979.
2.K.Hildebrandt, R.J. Dalton, Die neue Politik, in: PVS, Jg. 19,1977, S. 230ff. S.H. Barnes, M. Kaase et al., Political Action, Beverly Hills/London 1979.

Ha I
J. Habermas
Der philosophische Diskurs der Moderne Frankfurt 1988

Ha III
Jürgen Habermas
Theorie des kommunikativen Handelns Bd. I Frankfurt/M. 1981

Ha IV
Jürgen Habermas
Theorie des kommunikativen Handelns Bd. II Frankfurt/M. 1981