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Hans-Georg Gadamer über Ästhetisches Bewusstsein – Lexikon der Argumente

I 91
Ästhetisches Bewusstsein/Gadamer: Was wir ein Kunstwerk nennen und ästhetisch erleben, beruht (...) auf einer Leistung der Abstraktion. Indem von allem abgesehen wird, worin ein
Werk als seinem ursprünglichen Lebenszusammenhang wurzelt, von aller religiösen oder profanen Funktion, in der es stand und in der es seine Bedeutung besaß, wird es als das „reine Kunstwerk“ sichtbar. Die Abstraktion des ästhetischen Bewusstseins vollbringt insofern eine für es selbst positive Leistung. Sie lässt sehen und für sich sein, was das reine Kunstwerk ist. Ich nenne diese seine Leistung die „ästhetische Unterscheidung“. Vgl. >Wahrheit der Kunst/Gadamer, >Wahrheit der Kunst/Schiller.
Damit soll - im Unterschiede zu der Unterscheidung, die ein inhaltlich gefüllter und bestimmter Geschmack im Auswählen und Verwerfen ausübt - die Abstraktion bezeichnet sein, die allein auf die ästhetische Qualität als solche hin auswählt. Sie vollzieht sich im Selbstbewusstsein des „ästhetischen Erlebnisses«. Worauf das ästhetische Erlebnis gerichtet ist, soll das eigentliche Werk sein — wovon es absieht, sind die ihm anhaftenden außerästhetischen Momente: Zweck, Funktion, Inhaltsbedeutung. Diese Momente mögen bedeutsam genug sein, sofern sie das Werk in seine Welt eingliedern und damit erst die ganze Bedeutungsfülle determinieren, die ihm ursprünglich
eigen ist. Aber das künstlerische Wesen des Werks muss sich von all dem unterscheiden lassen.
Es definiert geradezu das ästhetische Bewusstsein, dass es eben diese Unterscheidung des ästhetisch Gemeinten von allem Außer-Ästhetischen vollzieht. Es abstrahiert von allen Zugangsbedingungen, unter denen sich ein Werk uns zeigt. Solche Unterscheidung ist also selbst eine spezifisch ästhetische. Sie unterscheidet die ästhetische Qualität eines Werkes von allen inhaltlichen Momenten, die uns zu inhaltlicher, moralischer oder religiöser Stellungnahme bestimmen, und meint nur es selbst in seinem ästhetischen Sein.
Das ästhetische Bewusstsein hat daher den Charakter der Simultaneität, weil es beansprucht, dass in ihm sich alles versammelt, was Kunstwert hat.
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Die „ästhetische Unterscheidung“ die es als ästhetisches Bewusstsein betätigt, schafft sich auch ein eigenes äußeres Dasein. Sie beweist ihre Produktivität, indem sie der Simultaneität ihre Stätten bereitet, die „Universalbibliothek“ im Bereiche der Literatur, das Museum, das stehende Theater, den Konzertsaal usw.
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So verliert durch die „ästhetische Unterscheidung« das Werk seinen Ort und die Welt, zu der es gehört, indem es dem ästhetischen Bewusstsein zugehörig wird. Dem entspricht auf der anderen Seite, dass auch der Künstler seinen Ort in der Welt verliert.
I 105
Ästhetisches Bewusstsein/Gadamer: [In der ästhetischen Erfahrung] gibt es keinen
schlechthinnigen Fortschritt und keine endgültige Ausschöpfung dessen,was in einem Kunstwerk gelegen ist. >Ästhetische Erfahrung/Gadamer.
Die Erfahrung der Kunst weiß das von sich selbst. Gleichwohl gilt es, von dem ästhetischen Bewusstsein nicht einfach anzunehmen, was es als seine Erfahrung denkt. Denn es denkt sie, wie wir sahen, in letzter Konsequenz als die Diskontinuität von Erlebnissen. Diese Konsequenz aber haben wir als unannehmbar erkannt. >Wahrheit der Kunst/Gadamer.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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