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Hans-Georg Gadamer über Künstler – Lexikon der Argumente

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Künstlertum/Künstler/Gadamer: Was wir ein Kunstwerk nennen und ästhetisch erleben, beruht (...) auf einer Leistung der Abstraktion. Indem von allem abgesehen wird, worin ein Werk als seinem ursprünglichen Lebenszusammenhang wurzelt, von aller religiösen oder profanen Funktion, in der es stand und in der es seine Bedeutung besaß, wird es als das „reine Kunstwerk“ sichtbar.
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Die „ästhetische Unterscheidung“ die es als ästhetisches Bewusstsein betätigt, schafft sich auch ein eigenes äußeres Dasein. Sie beweist ihre Produktivität, indem sie der Simultaneität ihre Stätten bereitet, die „Universalbibliothek“ im Bereiche der Literatur, das Museum, das stehende Theater, den Konzertsaal usw.
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So verliert durch die „ästhetische Unterscheidung« das Werk seinen Ort und die Welt, zu der es gehört, indem es dem ästhetischen Bewusstsein zugehörig wird. Dem entspricht auf der anderen Seite, dass auch der Künstler seinen Ort in der Welt verliert.
Auftragskunst: Das zeigt sich in der Diskreditierung dessen, was man Auftragskunst nennt. In dem Zeitalter des von der Erlebniskunst beherrschten öffentlichen Bewusstsein bedarf es der ausdrücklichen Erinnerung daran, dass das Schaffen aus freier Inspiration ohne Auftrag, vorgegebenes Thema und gegebene Gelegenheit ehedem der Ausnahmefall im künstlerischen Schaffen war (...). Der freie Künstler schafft ohne Auftrag. Er scheint gerade durch die völlige Unabhängigkeit seines Schaffens ausgezeichnet und gewinnt daher auch gesellschaftlich die charakteristischen Züge eines Außenseiters, dessen Lebensformen nicht mit den Maßen der öffentlichen Sitte gemessen werden.
Zugleich aber wird der Künstler, der so „frei wie Vogel oder Fisch“ist, mit einer Berufung belastet, die ihn zu einer zweideutigen Figur macht. Denn eine aus ihren religiösen Traditionen heraus gefallene Bildungsgesellschaft erwartet von der Kunst sogleich mehr, als dem ästhetischen Bewusstsein auf dem „Standpunkt der Kunst“ entspricht. Die romantische Forderung einer neuen Mythologie, wie sie bei F. Schlegel, Schelling, Hölderlin und dem jungen Hegel laut wird(1) aber ebenso beispielsweise in den künstlerischen Versuchen und Reflexionen des Malers Runge lebendig ist, gibt dem Künstler und seiner Aufgabe in der Welt das Bewusstsein einer neuen Weihe. >Ästhetik/Hegel.
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Dieser Anspruch bestimmt seither die Tragödie des Künstlers in der Welt. Denn die Einlösung, die der Anspruch findet, ist immer nur eine partikulare. Das aber bedeutet in Wahrheit seine Widerlegung. Das experimentierende Suchen nach neuen Symbolen oder einer neuen alle verbindenden „Sage“ mag zwar ein Publikum um sich sammeln und eine Gemeinde schaffen. Aber da jeder Künstler so seine Gemeinde findet, bezeugt die Partikularität solcher Gemeindebildung nur den geschehenden Zerfall. Es ist allein die universale Gestalt der ästhetischen Bildung, die alle eint. Der eigentliche Vorgang der Bildung, d. h. der Erhebung zur Allgemeinheit, ist hier gleichsam in sich selbst zerfallen. >Ästhetisches Bewusstsein/Gadamer, vgl. >Wahrheit der Kunst/Gadamer.

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Künstler/Kunst/Gadamer: Um der Kunst gerecht zu werden, muss die Ästhetik über sich selbst hinausgehen und die“Reinheit“ des Ästhetischen preisgeben.
Bei Kant hatte der Geniebegriff die transzendentale Funktion besessen, durch die sich der Begriff der Kunst begründete.
Problem: Aber ist der Geniebegriff dazu wirklich geeignet? Schon das Bewusstsein des Künstlers von heute scheint dem zu widersprechen. Es ist eine Art Geniedämmerung eingetreten. Die Vorstellung von der nachtwandlerischen Unbewusstheit, mit der das Genie schafft (...)
erscheint uns heute als eine falsche Romantik. Ihr hat ein Dichter wie Paul Valéry die Maßstäbe eines Künstlers und Ingenieurs wie Leonardo da Vinci entgegengesetzt, in dessen einzigem Ingenium Handwerk, mechanische Erfindung und künstlerische
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Genialität noch ununterscheidbar waren.(2) >Genie/Gadamer.


1. Vgl. Fr. Rosenzweig, Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus, 1917, S. 7. (Vgl. dazu die neueren Editionen von R. Bubner in den Hegel-Studien, Beiheft 9 (1973), S. 261—65 und C. Jamme und H. Schneider, Mythologie der Vernunft, Frankfurt 1984, S. 11-14.)
2. Paul Valéry, Introduction ä la méthode de Léonard de Vinci et son annotation marginale, Variété I.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Begriff/Autor], [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] bzw. "Problem:"/"Lösung", "alt:"/"neu:" und "These:" ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.

Gadamer I
Hans-Georg Gadamer
Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik 7. durchgesehene Auflage Tübingen 1960/2010

Gadamer II
H. G. Gadamer
Die Aktualität des Schönen: Kunst als Spiel, Symbol und Fest Stuttgart 1977

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