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Jürgen Habermas über Verständigung – Lexikon der Argumente

III 386
Verständigung/Konsens&/agreement/Habermas: im Rahmen einer Handlungstheorie kann Verständigung nicht mit Hilfe psychologischer Begriffe charakterisiert werden. Es geht auch nicht um empirisch charakterisierte Verhaltensdispositionen sondern um die Erfassung allgemeiner Strukturen von Verständigungsprozessen, aus denen sich Teilnahmebedingungen ableiten lassen.
Dabei geht es nicht um die Prädikate, die ein Beobachter verwendet, wenn er Verständigungsprozesse schreibt, sondern um das vortheoretisch Wissen kompetenter Sprecher, die selber intuitiv unterscheiden können, wann sie auf andere einwirken und wann sie sich mit ihnen verständigen. Die Sprecher wissen zudem, wann Verständigungsversuche fehlschlagen. Es geht darum, Standards für diese Unterscheidungen zu finden.
Zwar gilt Verständigung als auf sprachlichem Wege zustande gekommen, die Beteiligten können sich aber auch in einer Weise eins fühlen, die es schwer macht, einen propositionalen Gehalt zuzuschreiben. Eine solche kollektive Gleichgestimmtheit erfüllt nicht die Bedingungen eines auf kommunikativem Wege erzielten Einverständnisses. Das Verständnis kann dank seiner sprachlichen Struktur nicht allein durch Einwirkung von außen induziert sein, es muss von den Beteiligten als gültig akzeptiert werden. Darin unterscheidet sich Verständigung von bloß faktisch bestehender Übereinstimmung.
III 387
Ein kommunikativ erzieltes Einverständnis hat eine rationale Grundlage. Es kann nämlich nicht durch erfolgskalkulierte Einflussnahme auferlegt werden. Wohl kann ein Einverständnis objektiv erzwungen sein, aber was ersichtlich durch äußere Einwirkung oder Gewalt zustande kommt, kann subjektiv nicht als Einverständnis zählen. Einverständnis beruht auf gemeinsamen Überzeugungen. Alle Beteiligten stützen ihre Entscheidungen auf potentielle Gründe.
Ohne auf Sprache bzw. das Modell der Rede Bezug zu nehmen, kann Verständigung nicht analysiert werden. Allerdings verhalten Sprache und Verständigung sich nicht wie Mittel und Zwecke zueinander. Aber den Begriff der Verständigung können wir nur erklären, wenn wir angeben, was es heißt Sätze in kommunikativer Absicht zu verwenden.
III 394
Da Sprechhandlungen nicht immer teleologisch angelegt sind, müssen die Strukturen der sprachlichen Kommunikation auch ohne Bezugnahme auf Strukturen der Zwecktätigkeit geklärt werden können. Was wir mit Verständigung meinen, muss allein anhand illokutionärer Akte - Akte, mit denen gehandelt wird, nicht immer aber etwas bewirkt wird - geklärt werden. ((s) Das ermöglicht es überhaupt, von Versuchen der Verständigung zu sprechen, auch wenn sie fehlschlagen.)

III 412
Verständigung/Kommunikatives Handeln/Habermas: wenn der Hörer ein Sprechaktangebot akzeptiert, könne zwischen sprach- und handlungsfähigen Subjekt ein Einverständnis zustande. Diese beruht aber nicht nur auf der intersubjektiven Anerkennung eines einzigen
III 413
thematisch hervorgehobenen Geltungsanspruchs. Vielmehr wird das Einverständnis gleichzeitig auf drei Ebenen erzielt: über a) eine im normativen Kontext richtige Sprechhandlung, b) eine wahre Aussage, c) eine wahrhaftig geäußerte Meinung, Absicht, Gefühl oder Überzeugung.


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Zeichenerklärung: Römische Ziffern geben die Quelle an, arabische Ziffern die Seitenzahl. Die entsprechenden Titel sind rechts unter Metadaten angegeben. ((s)…): Kommentar des Einsenders. Übersetzungen: Lexikon der Argumente
Der Hinweis [Begriff/Autor], [Autor1]Vs[Autor2] bzw. [Autor]Vs[Begriff] bzw. "Problem:"/"Lösung", "alt:"/"neu:" und "These:" ist eine Hinzufügung des Lexikons der Argumente.

Ha I
J. Habermas
Der philosophische Diskurs der Moderne Frankfurt 1988

Ha III
Jürgen Habermas
Theorie des kommunikativen Handelns Bd. I Frankfurt/M. 1981

Ha IV
Jürgen Habermas
Theorie des kommunikativen Handelns Bd. II Frankfurt/M. 1981

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